Für Stefan
Raffai
Zum 50.
Geburtstag
Rede von Jürgen Dieter Ueckert
Heilbronn am
23. Februar 1997
"Stefan ist ein begabter Junge"
Lieber
Stefan, liebe Brigitte,
vielen Dank
für die großzügige Einladung hier aufs Schiff- aber das ist ja auch angemessen,
wenn man ein halbes Jahrhundert feiert - und dazu noch als Fisch. Zur Ehre
gereicht es nicht, 50 zu werden, aber es ist schon eine enorme Leistung - bei
all den Versuchungen und schönen Widrigkeiten, die uns so im Leben begegnen.
Ich trete ja nächstes Jahr in diesen Club der Junggreise ein.
Wir feiern
heute ein halbes Jahrhundert Stefan Raffai - des Fische-Mannes auf dem Schiff.
Horoskope sind ja eine neckische Freude für uns alle, ein Gesellschaftsspiel -
und für einige Zeitgenossen ein lukratives dazu. Unter keinem Sternzeichen, so
las ich über Stefan, findet man so sanftmütige und friedfertige Menschen wie
unter dem der Fische, liebe Brigitte - bitte bestätigen. Sie sind freundlich,
rücksichtsvoll, besitzen einen gesunden Humor, passen sich bereitwillig auch
unangenehmen Erfordernissen an und machen sich aufgrund dieser Eigenschaften
kaum Feinde.
Der
sanftmütige Fische-Mensch Stefan Raffai erweist sich bei näherem Hinsehen als
einer, der sich dadurch als effektiv beweist, daß er überall „durchschwimmt“,
nirgends aneckt, sich anpaßt oder sich klug seinen Freiraum schafft, wo
ihm keiner etwas anhaben kann - nachzulesen in einem Unterländer Anzeigenblatt.
Fische gelten darüber hinaus auch noch als unheilbare Romantiker. Schon
bemerkt, Brigitte? Sie haben zwar ihre Methoden, das zu verbergen, aber sie
werden es ewig bleiben. Dabei geht es nicht nur um Liebesangelegenheiten,
sondern um alles im Leben. Sie leben sehr in ihrer Phantasie, und in dieser
Phantasie ist alles wie im Film, in dem ständig die Szenen wechseln. Und dabei
ist der Stefan gar kein großer Kinogänger.
Übrigens:
Die Fische sollen sich schnell langweilen, schneller als jedes andere
Sternzeichen. Die sich ständig wechselnde Landschaft des Meeresgrundes läßt
sich halt nicht so gut durch die unveränderlichen Banalitäten des Lebens auf
dem trockenen Land ersetzen.
Und was
erwartet den Fische-Mann Stefan in der kommenden Woche? Endlich hast Du
beruflich wieder festen Boden unter den Füßen und wirst von den Kollegen
akzeptiert - sagt das Horoskop. Mit Leistung kannst Du die letzten Zweifel an
Deiner Qualifikation ausräumen. Wenn Du dich allerdings jetzt unterfordert
fühlst, dann suche nach einer neuen Aufgabe. Das würde wohlwollend zur Kenntnis
genommen und erleichtert die Verhandlungen über eine finanzielle Verbesserung.
Privat, so sagt das berühmte BamS-Horoskop
heute, wirst Du Dich einschränken müssen. Die Liebe steht zur Zeit an zweiter
Stelle.
Dazu kann
ich nur sagen - hört-hört oder lest - auch die Sterne können lügen - oder die
Wahrheit sprechen. Das mußt Du ganz allein entscheiden, was stimmt. Aber die
Wahrheit ist - eine ganz andere Wahrheit ist, um es mit Kurt Tucholsky zu
sagen: Wärst Du vor fünfzig Jahren zwei oder drei Löcher weiter rausgekrochen,
dann wärst Du heute vielleicht Verleger, Chefredakteur, Milliardär oder
ungarischer Botschafter in Deutschland - wer weiß. Aber zum Glück für uns alle,
die wir hier versammelt sind und Essen fassen wollen, konntest Du es ja Dir
nicht aussuchen - in Sikeria in Ungarn das Licht der Welt zu erblicken, die
ungarische Dorflandschaft mit Deinen Geschrei so zu nerven, daß Deine arme
Mutter oft die Nachbarin bitten mußte, Dich zu beruhigen, damit sie wenigsten
ein paar Stunden am Tage ihre Ruhe vor Dir hatte.
Wenn nicht
1956 der Ungarnaufstand gekommen wäre, vielleicht wärst Du heute ein grandioser
Ostmafiosi, würdest ein Porno-Imperium in Budapest beherrschen oder als
Großgrundbesitzer durch die Welt reisen. Nicht mit der Lebensgefährtin
Brigitte, sondern mit irgendeiner feschen Julischka.
Aber so es
kam, wie es kommen mußte - und Deine Grundschullehrerin so treffend beschrieb:
„Stefan ist ein begabter Junge, der stets bestrebt ist, seine Leistungen zu
steigern.“ Das hast Du nun 50 Jahre lang bewiesen. Als es Dich von Ungarn nach
Bad Rappenau verschlagen hatte, war mal gerade von Dir in deutscher Sprache
„Guten Tag“ zu vernehmen. Nach eineinhalb Jahren Internat schon bist Du Deinen
deutschen Mitschülern in der ihrer eigenen Sprache in den Leistungen überlegen.
Und von da
ab ging es für Dich auch in deutschen Landen bergauf. Schriftsetzerlehrling bei
der Heilbronner Stimme, Gesellenprüfung mit Note 2,2. Wechsel zu einem kleinen
badischen Zeitungsverlag, erste journalistische Sporen dort verdient. Bei der
Bundeswehr dann der Höhenflug – weil Luftwaffe. Landung bei der
Pressestelle und in der Redaktion „Fliegerkurier“. Hofschreiber und
Kofferträger eines Drei-Sterne-Generals.
Weiterer
Höhepunkt: Landung mit einem Hubschrauber in einem pfälzischen Vorgarten - in
Uniform. Anlaß: der 50. Geburtstag von Fritz Walter, der gerade mit Sepp
Herberger auf seiner Terrasse saß - und auf den Flieger mit Stefan Raffai
wartete. Bisher hab ich noch keine Motorengeräusch gehört - aber es kann noch
so ein Flieger beim Insel landen. Wer weiß, wer dem dann entsteigen wird?
Dann der
journalistische Abstecher zu den Badischen Neuesten Nachrichten. Bekanntlich
ein guter Stall. Auch HSt-Chefredakteur Dr. Wolfgang Bok hatte sich dort
getummelt. Nach Heilbronn ins Mutterhaus Stimme
zurück im Jahre 1971. Erste Landung: Landkreisredaktion. Ekkehard Würstle war
Chef und Lehrmeister, jener Mann mit der eleganten und geschliffenen Rede. Otto
Lesinger, Uwe Mundt – Kollegen der ersten Stunde. Später wurdest Du ja dann
selbst Chef dieses überaus wichtigen und großen Stimme-Ressorts.
1985 erlebte
ich Dich dann am Beginn einer Fernsehkarriere: als Moderator auf der
Landesgartenschau in Heilbronn – Studio Wertweisen. Dort, wo ich im
Südfunk-Studio weniger Meter weiter mühsam ein paar Märker mit Kultur- und
anderer Berichterstattung mir als Freier hinzuverdiente. Später konnte ich das
Abflammen dieses Projekts in X-Aktenordnern im Stimme-Haus nachlesen. Naja -
Scheitern ist wohl zuviel gesagt - es war ja ein Versüchle, ein Test – mit
einem großen Engagement der Mitarbeiter über Wochen hinweg.
Ab Februar
1987 dann beim ersten Privat-Hörfunksender - der Wechsel vom sicheren Sessel in
der Zeitung ins publizistische Niemandsland. Mit Hans Georg Grimm warst Du der
Pionier in diesem Minenfeld, wo die öffentlich-rechtlichen Dinosauriers Feuer
spien. Mit einem für manche heute kaum noch vorstellbaren Engagement wurde das
neue Radio nach einem halben Jahr Probebetrieb auf Sendung gehievt – und war
zum Erstaunen vieler sofort irrsinnig erfolgreich. Das war eine Leistung, für die
HSt-Verleger Frank Distelbarth Dir eigentlich heute noch die Füße küssen müßte.
Aber da er ja nicht der Papst ist, sondern evangelisch, wird es wohl nie dazu
kommen.
Den
leidvollen Niedergang von „Radio Regional Heilbronn“ möchte ich hier nur am
Rande erwähnen. Da kommen ansonsten zu viele Schmerzen auf. Auch bei mir. Von
unserer journalistischen Aufbauarbeit von 1987 bis 1995 ist kaum mehr etwas
vorhanden. Jetzt ist das Radio so, wie es Hans Georg Grimm nie wollte. Ich
verkneife mir seine Bezeichnung dafür. Wir haben ja schließlich einen
festlichen Rahmen heute. Und wollen froh und glücklich feiern.
Dein Wechsel
im Oktober 1995 zurück zur Stimme –
ich meine, er war auch eine gewisse Erlösung. Und wenn Du Dir vor Augen führst,
wie viele Radio-Regional- oder Radio-Ton-Geschäftsführer dort in den letzten
Jahren die Klinke in die Hand genommen haben, dann war dieser Schritt
auch richtig. Als Mann fürs Grobe bezeichnest Du Dich jetzt gelegentlich. Ich
sage: Der Redakteur für Sonderveröffentlichungen Stefan Raffai kann mehr für
die Bindung der Leser ans Blatt tun, als es so mancher Kommentar auf der ersten
Seite vermag. Ich als Redakteur eines Anzeigenblatts kann Lieder davon singen.
Kollege Uwe
Jacobi bezeichnete Dich in seinem Einspalter am Freitag als „Mister
Tausendsassa der Medienwelt“ im Unterland. Ein kleiner Figaro, mal hier - mal
dort. Stimmt schon, wenn er den Wechsel vom fünften Stockwerk im Stimme-Haus in
andere meint - und umgekehrt. Aber ich habe Dich – und ich saß Dir ja einige
Jahre vis-à-vis am Schreibtisch gegenüber - ich habe Dich dabei als einen
Kollegen kennen gelernt, auf den man sich hundertprozentig verlassen, mit dem
man Probleme schnell und effektiv aus der Welt räumen kann. Dafür möchte ich
mich ganz herzlich bedanken.
Schade, daß
sich unsere Wege getrennt haben. Ich hätte noch gern lange Jahre mit Dir Radio
gemacht. Wir wollten, aber durften nicht. Aber als Kiliansmännle und fast
eigener Herr im Hause, ist’s auch nicht schlecht. Und Anregungen erhalte ich
von Dir ja sehr schnell – dank Telefon und Fax.
Was wäre
wenn ... ist eine müßige Frage. Gerade heute. Was wird? Das ist die Frage der
Zukunft. Ich wünsche Dir für die nächsten 50 Jahre viel Glück, Zufriedenheit,
Sprünge nach vorn im Beruf, viele schöne Reisen mit Brigitte – und ich wünsche
Dir, um es militärisch auszudrücken: „Auf daß der Wind in Deinem Rücken nie
Dein eigener sei.“ (Billy Wilder „Extrablatt“; der Film über Journalisten –
englisch: „Front Page“).
Herzlichen
Glückwunsch.
Heilbronn,
23. Februar 1997

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