Sonntag, 30. März 2014

„Werktreue“ beim Theater ist etwas für Sklaven (1981)

Thea­ter als Partner der Literatur - nicht ihr Knecht

Von Jürgen Dieter Ueckert

 Um in Heilbronn gutes Theater zu sehen - so meinen Spötter - müsse man ins Rathaus gehen - und als Zuschauer an den Sitzungen des Gemeinderats teilnehmen. Nur dort habe das wahre Theater Heilbronns seine Heimstätte. Richtig an dieser ironischen Bemerkung ist - zwi­schen den Zeilen gelesen - die Beschreibung des kulturellen Hu­mus, auf dem das Pflänzchen „Thea­ter“ in Heilbronn mehr oder minder gedeihen konnte.

Nahezu drei Jahr­zehnte stritt der Gemeinderat im Rathaus um einen Neubau fürs Theater, der nun mit einer ungeahnten Schnelligkeit am Berliner Platz aus dem Boden schießt. Ohne und mit einem provi­sorischen Theater hielten die Heil­bronner die Zeit seit der Zerstörung des Theaterbaus auf jenem Berliner Platz aus - zunächst am 4. Dezember 1944 bei einem Bombenangriff wurde das Jugendstiltheater beschädigt; und 1972 wurde der Fischer-Bau durch viel Sprengstoff endgültig platt gemacht. Theater in Heilbronn - so scheint es - ist und war nur ein notwendiges Übel. Eine gepflegte Tradition der dramatischen Kunst existiert in der Stadt des Kleist‘schen Käthchens nicht.

,,Das Theater muß nämlich durch­aus etwas Überflüssiges bleiben dürfen, was freilich dann bedeutet, daß man für den Überfluß lebt. “ Sagte einst der Ost-Berliner Dramatiker Bertolt Brecht. Ein Teil des kommunalen Lebens dem Überflüs­sigen widmen - dem Theater? Das gab es in Heilbronn noch nie. Und soll es auch nicht geben - wie es politisch scheint.

Gründe für die nichtvorhandene Heilbronner Theatertradition? Brechts Aussage gefolgt, bietet sich im politischen Bereich eine Antwort an. Peter Putzer - Engländer, Wissenschaftler aus Oxford - hatte in einer Untersuchung über das Nachkriegs-Heilbronn festgestellt: das Heilbronner Unterland weise ,,eine soziale Struktur (auf), die durch verbreiteten Klein- und manchmal Kleinstbesitz gekennzeichnet ist".

Herausgestellt wird in seinem Aufsatz, daß die politischen Parteien sich immer konservativer gebärdet hätten als ihre Vorstände in der jeweili­gen Metropole – sei es nun Berlin oder Bonn. Die SPD-Heilbronn sei jeweils liberaler und weniger radikal als die Zentrale, die CDU und ihre Partei-Vorgänger sei mittelständischer geprägt und mit den Traditionen der Bauern-Parteien behaftet und die Libe­ralen seien weitaus konservativer einge­stellt als ihr Reichs- oder Landesdurchschnitt.

Liberal in Heilbronn habe Tradition - man sei "urdemokratisch" - im Vergleich zu anderen deutschen Städten. Seit 1819 - mit ei­ner Unterbrechung von zwölf Jah­ren -  sei Heilbronn von einer konstitutionellen Regierung verwal­tet worden. Daher auch der Name: „Die Stadt der Krämerseelen“ - ein wenig schmeichelhaftes Wort. Aber darin liege die Stärke der Fran­ken-Metropole Heilbronn begründet. Nicht im Theater.

Demnächst wird es zwei Theaterbauten  im 20. Jahrhundert in Heilbronn geben. Das eine zu Beginn des Jahrhunderts gebaut, das andere jetzt. Aber ein Heilbronner Theater hatte im süd­deutschen Raum bisher keine besondere Be­deutung, die den Theatern von Ulm, Tübingen, Freiburg, Heidelberg und Mannheim gleichkäme. Heilbronn war kein Ort, an dem Künstlerpersönlichkeiten - im dramatischen Bereich der Kunst - heranwachsen konnten.

Be­deutende Uraufführungen sind nicht nachzuweisen, auch nicht Schauspieler oder Regisseure, die von Heilbronn aus begannen, das deutsche oder inter­nationale Theater zu verändern oder zu beeinflussen. Das Theater Heil­bronns hatte immer - auch vor dem Krieg - mit dem Überleben zu kämp­fen. Georg Hahn, Oberspielleiter: In Heilbronn werden Schauspieler von Lehrlingen zu Gesellen ausgebildet und geformt.

Das zweite Theater Heilbronns auf dem Berliner Platz wird vom Bau her Größe ausstrahlen. Ob es auch ein Theater-Mittelpunkt wird, darüber entscheiden Schau­spieler und Regisseure, die im neu­en Haus arbeiten werden - und vor allem das Publikum.

Die Zeit des Theater-Provisoriums im Gewerkschaftshaus in der Gartenstraße Heilbronns soll 1982 beendet sein. Ein endgülti­ges „Aus" der Heilbronner Kultur-Nachkriegszeit? In den vergange­nen drei Jahrzehnten wurde im Gewerkschaftshaus Theater gespielt, das dem Begriff der „Werktreue“ untergeordnet war. Ein Begriff, der in der theoretischen wie praktischen Welt des Theaters nicht existiert. Schaut man in Lexika fürs Theater nach, findet man ihn nicht. Woher also kommt er?

Verpflichtet fühle man sich dem Dichter, dem Theater-Autor - sonst niemandem. So lau­teten die Worte der Heilbronner Erklärung für diesen Begriff. Man wolle das Stück vom Blatt spielen - unver­fälscht. Allerdings - Dichter, Schriftsteller, die Theater-Literatur produzieren, sind in den meisten Fällen keine Theater­leute.

Umgeformt wird also ein Literatur­-Produkt zu einem Theaterspiel – während  der Probenarbeit. Heutzutage arbeiten Regisseure oft länger an einer Inszenierung als mancher Schrift­steller an der Herstellung ihrer Text-Vorlage.

Theater hat nach eigenen Gesetzen Texte, die ein Gerippe sind, umzusetzen. Absurd, wenn verlangt wird, Theater zu spielen wie zu Zeiten Goldonis, Molieres oder Shake­speares. Der Begriff „Werktreue", in sich romantisch und deutschtümelnd, bezeichnet nur die Abwehr. Die Abwehr eines Theatermannes gegen den Einfluß der Politik im Theater.

Gustaf Gründgens gegen Joseph Goeb­bels. Der Theatermann, der die Begrifflichkeit der Nazis verwandte, um im Schutz dieses Wortes „seine“ Auf­fassung von Theater darstellen zu können. Hintergrund: das ,Gesamt­kunstwerk‘ und das ,Original-Genie', das nur in sich abgeschlossene Kunstwerke gebiert.  Insofern: Kunst als anbe­tungswürdiger Ersatz. Eine l’art pour I‘art-Haltung, die den Herstel­ler von Theater zum Sklaven macht, ihn aber gleichzeitig aus aller Kritisierbarkeit heraushebt.

Hinter dem Begriff der Werktreue sich verstecken, das heißt einzugestehen, das eigene Wollen nicht verwirkli­chen zu können. Der Autor wird damit auf einem hohen Podest gestellt - weit entrückt vor dem Zuschauer und auch dem Schauspieler, der wieder­um nur den Willen einer übergeord­neten geistigen Macht ausführt.

Theater als Kunsthandwerk, Regis­seure als Nach-Maler eines einmal hergestellten, unveränderbaren Ge­mäldes? Wenn das Theater wäre, bestünde es nicht mehr.

Sehr salopp drückte es einst Ge­org Hensel, der FAZ-Theaterkritiker aus, indem er behauptete, „Tragödie und Komödie sind zunächst nichts ande­res als Verkehrsunfälle, die zu se­hen eine Menge Menschen ins Theater geht".

Diese Unfälle zu ar­rangieren, auch das ist Theaterar­beit. Literatur nach- und neu-zu-den­ken, umzuformulieren für die Büh­ne - das scheint mir die Hauptauf­gabe heutiger Theaterleute. Nicht das Abschnurren von Texten (und wie kunstfertig das herstellt wird) ist gefragt, sondern das immer wieder auffindbare Herausarbeiten der All­täglichkeit sogenannter großer The­men unserer Zeit.

Wenn in Heilbronn Schauspieler und Regisseure nicht mündig wer­den gegenüber der zu spielenden Literatur, wenn sie nur Knechte von vorgefertigten Texten bleiben wol­len, nur Nachplapperer von vorfor­mulierten Worten - dann hat Heil­bronn es kaum nötig gehabt, ein neues Haus zu bauen.

Denn für die „Überflüssigkeit" Theater muß ge­lebt und auch erlebt werden - vor allem von denen, die sie herstellen. Gefällige Schwätzer schöngeistiger Worte für die Satten - das gab’s einmal.

In einem demokratischen Staat sollte das nicht mehr Vorkommen. Theater in Heilbronn darf - wenn es Bestand haben will - nicht in einer selbstverachtenden Verteidigungshaltung bleiben - wie es der ominöse Begriff „Werkstreue“ ver­deutlicht.

Es muß zeigen, daß Thea­ter Partner der Literatur und nicht Knecht ist. Es muß zeigen, daß auf der Bühne ein Spiel von mündigen für mündige Menschen geboten wird. Erst dann bietet Theater seinem Publikum Aufklärung und auch Spaß.

Heilbronn am 12.12.1981

Donnerstag, 27. März 2014

JDUeckerts Rede zum echo-Abschied (2008)

Der Auftrag war:
Das echo soll erfolgreich sein.
War es.


Von Jürgen Dieter Ueckert

Der Abschied als echo-Chefredakteur
in der DistelLitLounge
Cafè-Bar-Restaurant,
Sonnengasse 11, 74072 Heilbronn
Donnerstag, 18. Dezember 2008

Vielen herzlichen Dank für die Einladung,

lieber Herr Distelbarth,
lieber Herr Herzberger.

Ich habe mich sehr gefreut.

Liebe Kollegen von der Stimme.
Liebe echo-Kolleginnen und -Kollegen.

Fehlt Ihnen was? Wurde ich gefragt. Klar. Mir fehlt was sehr. Die tägliche Lektüre von BILD, Welt, FAZ - das fehlt. Genau in dieser Abfolge. Ich hatte mich daran gewöhnt. Als Axel-Springer-Fan.


Und natürlich die Redaktion – auch tägliche Routine-Arbeit wie Post - und die Kommunikation in der Redaktion. Das fehlt mir sehr.


Erinnern Sie sich: Sechzig Jahre – und kein bisschen weise – so hieß es bei mir am 21. September 2008.


Und nun? 60 Jahre alt - weder klug - noch voller Wissen, keine Eigentumswohnung und kein anständiges Auto. Was will ich mehr – fast wie bei Astrid Lindgren in ihrem wunderbaren Buch „Rasmus und der Landstreicher“ – geistig und philosophisch gesehen. Und daran werde ich mich gewöhnen müssen: mein neues Landstreicher-Leben. Das ist alles nicht gerade schwäbisch – oder gar nicht protestantisch gedacht. Dafür aber mehr meck-pomm-mäßig und sehr katholisch. Denk ich mir.


Dabei – war das alles anders gedacht. Von mir zumindest. So mit 65 in die Rente. Darauf zielten alle meine Versicherungen hin. Aber – aber - falsch gedacht, Ueckert. Der Mensch denkt, Gott lenkt.


Da steh ich nun, ich armer Tor. Und bin so klug als wie zuvor. – Dabei habe ich überhaupt gar nicht gedacht –- und was nun? Ins Kloster? Geht nimmer. Die Mönche bieten ja kein Altersheim für Redakteure an, die sich nur selber bedauern. Kloster-Versicherungen gibt es auch nicht.


Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. So heißt der schöne Spruch.  Klingt mir aber nach protestantischer Propaganda. Passt irgendwie hinein in unsere komische Welt – voller Finanzkrisen, voller lustiger Events, die vielen Tänze auf dem Vulkan. Und ich staune nur noch. Alles so schön bunt hier - wie einst Pop-Sirene Nina Hagen jaulte.


Ist ja nicht so schlimm. Das Fernsehen hat den Journalismus verändert. Journalisten sind nicht nur mehr die distanzierten Beobachter – sie sind heute Teil der Show - all over the world. Die ganze Welt eine Bühne. So wie ich jetzt im Moment - hier auf meiner kleinen Bühne.


Dabei fing bei mir alles ganz klein und lieb an. Neckar Express und Südfunk – das war doch nett. Ich als erster Praktikant 1974 beim Südfunk-Studio – bei Werner Kieser. Seminare, Sprecher-Ausbildung in Stuttgart – jede Woche. Freie Mitarbeit in der SDR-Kultur-Redaktion. Ich konnte machen, was mir so gefällt.


Theaterintendanten waren strutsauer, schrieben böse Briefe – und wir hielten das schwäbische Fähnlein des sauberen und wackeren Kultur-Radio-Journalismus hoch. Das prägt. Auch wenn kaum jemand zugehört hatte.


Trotzdem - gutes Theater wurde damals im Ländle gemacht – in Stuttgart bei Claus Peymann (heute Berlin), bei Achim Thorwald in Esslingen (heute Karlsruhe), bei Klaus Pierwoß in Tübingen oder Achim Plato in Schwäbisch Hall – mit Hans Gratzer aus Wien und Kurt Hübner aus Berlin. Beeindruckend. Das war auch die Zeit, in der am Stadttheater Heilbronn die Intendanten Walter Bison und Klaus Wagner arbeiteten und wirkten. Beide haben mich nicht sonderlich beeindruckt. Wie andere Intendanten auch nicht – so ist das im Leben.


Ähnlich wie auch die Theaterarbeiten in Pforzheim oder Jagsthausen nicht. Theater wie aus Mutters Gsälz-Topf - nett und bieder, schrieb Gerhard Stadelmaier in der Stuttgarter Zeitung, heute FAZ-Theaterkritiker.


Warum erzähle ich davon? Theater hat sehr viel zu tun mit Zeitung, Magazin, Illustrierte - auch natürlich mit Radio oder Fernsehen. Was wir in der Zeitung sehen und lesen ist nicht die Realität - nur ein Ausschnitt davon, eine Reflexion darüber. Gebrochen durch die subjektiven Sichtweisen von Journalisten – durch Verkürzung der Fakten. Die Realität in einem Brennspiegel – auch teilweise im Zerrspiegel. So ist fürchterliche, langweilige Realität konsumierbar und auch verstehbar für die Zeitgenossen. Da gibt es Regeln – Verbote und Gebote, etc.


Ähnlich wie bei der aristotelischen Dramentheorie im Theater oder gar im Film – die für Tragödie oder Komödie gelten - auch noch für Micky-Maus-Filme. So wie bei Zeitungen die Überschriften, Texte, Sätze, Buchstaben, Schriftarten, etc. geordnet sind – so ihre Wirkungen bei den Lesern entfalten – oder auch nicht.


Beispiel – ein kleines Mädchen, ein Bettelkind, erfriert in der Nacht von Silvester zu Neujahr. Eine schlichte Meldung. Sie kennen vielleicht die Erzählung: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ - von Hans Christian Andersen. Das ist die Geschichte dazu - brutale Realität aus dem Leben, fürchterlich traurig – und plötzlich wird aus einer Meldung grandiose Literatur.


Zurück zum Journalisten-Alltag. Ich war nie ein rasender Reporter. Wie Egon Erwin Kisch. Oder wie Billy Wilder, Reporter und Regisseur, in seiner Journalisten-Komödie „Extra-Blatt“ diese Zeitung-Welt karikiert hat. Mit Walter Matthau als Herausgeber und Jack Lammon als rasendem Reporter – Zeitungsmacher, die für eine Exklusiv-Geschichte eines anarchistischen Polit-Terror-Mörders in Chicago ihre alte Großmutter verkaufen würden.


Eine lustige und gleichzeitig tragische Karikatur - das hatten wir ja auch in Deutschland im Gladbecker Geiseldrama. Da hatten sich Reporter, das Fernsehen, die Journaille nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Im Gegenteil.


Im FAZ-Feuilleton wird klug darüber nachgedacht. Dort – in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe ich auch nicht schriftlich nachgedacht. Denn - nun – als dieser Gerhard Stadelmaier vom FAZ-Feuilleton mir eine freie Mitarbeit für Baden-Württemberg anbot, da war ich erstaunt - und für die große Welt zu ängstlich. Und entschied mich für Radio Regional Heilbronn.


Frisch, privat und mit viel Pionier-Arbeit. Das machte mir Spaß. Wir berichteten über einen konservativen Politiker, der in einer schummrigen Bar in Hessen, Haschisch geraucht haben soll – ansonsten aber für Ordnung und Sauberkeit kämpfte. Er wurde nicht Landtagsabgeordneter. Kein welterschütternder Skandal – eine Alltags-Notiz aus der Provinz. Im Kern aber – meine ich - mit der Aussicht auf Literatur-Qualität. Wenn man es kann. Literatur im Privat-Radio? Oh, Gott, nein, das habe ich nicht gemacht. Nur schlichte Berichterstattung.


Wir haben halt ein Radio für die Heimat gemacht – mit Berichten aus aller Welt, aus Deutschland und der Region. Und das recht erfolgreich. Bis die Politik dazwischen kam und sagte, das ist uns zu erfolgreich für einen Zeitungsverlag. Und so wurde aus Radio Regional ein Radio Ton. Und das war nicht mehr mein Radio.


Den Sprung ins kalte Wasser, zum Beispiel in die FAZ-Freien-Mitarbeit, den habe ich nicht gewagt. Das war nicht mein Charakter. Lieber festangestellt in der Provinz anständig verdient - als in der Metropole vielleicht irgendwann berühmt werden – als schreibender Artist auf dem Seil ganz oben unter der Zirkuskuppel.


Und die redaktionelle Arbeit bei uns in der Provinz war ja auch erfolgreich: zunächst im Südfunk, dann im Neckar Express und nebenher beim Südfunk-Radio, später beim Radio Regional, wieder im Neckar Express und schließlich im echo. Pionier-Knochen-Arbeit auf verschiedenen Medien-Dampfern des schwäbischen Binnenmeers.


Aber - wollte ich das? Klar – die nebulöse Sehnsucht ist bei jedem Provinz- oder Metropolen-Redakteur vorhanden. Den großen Roman schreiben, den aufklärerischen, alle Skandale eines Lebens aufdeckenden, den Roman über Heilbronn schreiben – vielleicht - oh Gott, oh Gott, oh Gott – als Rentner dann irgendwann. Als Thomas-Männle vom Neckar. Den gibt es doch schon, im Selbstverlag – und keiner liest ihn.


Groß, klug und berühmt werden? Nein, sagt der Fuchs, als er die Kirschen da oben im Baum sah - die sind mir zu sauer.


Oder reich? Ja - nein – vielleicht - höchstens durch die Lotterie. Ich bin kein Kaufmann. Klar - erfolgreich mit der Schreibe – über was auch immer. Aber nach kurzem Nachdenken war mir klar, dass ich für solche Arbeit zu wenig Gaukler war. Ich liebe das Theater. War aber viel zu wenig Schauspieler, Moderator, Conférencier – in der journalistischen Wirklichkeit. Theater ist für mich ein Zerrspiegel, um über die Welt nachzudenken – aber bitte mit Distanz.


So litt ich ein wenig unter meinem nicht vorhandenen Genie - und verdiente ein wenig Geld, als Provinzler und Spießer. Und vergrub mich in die Arbeit – und ließ mein privates Leben sausen, als lustigen Film nebenher laufen. Mehr Komödie als Tragödie.


War das ein Leben? Ja, das ist mein Leben. - Dabei hatte ich wunderbare Menschen kennengelernt, die mein Leben sind. Bei diesen herrlichen und liebenswerten Menschen muss ich mich ganz herzlich bedanken. Ohne die kann ich hier nicht stehen. Sie haben mich mit ihrer Liebe gerettet – immer wieder.


In diesem Zusammenhang möchte ich mich auch beim Medienhaus Heilbronner Stimme und vor allem beim echo bedanken – für das soziale Netz, das sie mir in den letzten zwei Jahren geboten haben. Dank auch bei meinen Kollegen in der echo-Redaktion. Wie oft war ich verzweifelt, nicht nur über die aktuelle echo-Ausgabe – und Eure Unterstützung hat mir geholfen.


Denn wir wissen ja: Die echo-Redaktion ist – in welcher Zusammenstellung auch immer - so gut wie die letzte Ausgabe. Ob nun der Redaktionsleiter Ueckert oder Schwarz heißt. Der Leser will ein gutes und interessantes echo haben – egal, welche personellen Veränderungen in der Redaktion vorgenommen wurden. Ziel ist, ein erfolgreiches Medienprodukt zu kreieren. Dazu sind alle aufgefordert. Keiner darf daneben stehen und schmollen.


Ich habe die echo-Redaktion immer als erfolgreiches Team verstanden und erlebt. Ihr alle wart und seid wunderbare Teamspieler. Das hat mir sehr gut getan. Denn ich war ja schon oft eine Zumutung, nicht nur für Leute, die mich mögen und lieben.


Ich behaupte gelegentlich - selbst für Gott war ich eine Zumutung. Und jetzt muss der mich auch noch als Katholik ertragen. Aber mit seinem großen Humor, seiner augenzwinkernden Ironie und seinem gewissen Sarkasmus geht es – wie es für mich bei Jeremia 20,7 heißt:


Du hast mich verführt, oh Herr, und ich, ich habe mich verführen lassen.


Oder anders übersetzt – nicht ganz so erotisch:


Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen! Du bist stärker als ich und hast den Kampf gewonnen. Nun werde ich lächerlich gemacht – tagaus, tagein; alle verhöhnen mich.


Dank Aphasie und Kavernom, gelegentlichen Sprech- und Hör-Schwierigkeiten. Das muss ich wohl hinnehmen – wie auch immer. Wie sagt mir der Weinsberger Neurologe Dr. Eppinger ernsthaft: Bei meinem Zustand kann es leicht zu Depressionen kommen.


Ich musste ihm leider sagen – ich bin aus Vorpommern, Herr Doktor. Depressionen kennen wir nicht. Nur Alkohol - und das Moor. Und davon kommt niemand zurück.


Das echo ist Gottseidank kein Moor, in dem Redakteure oder Volontäre versinken – auch wenn ich zunächst das glaubte: Als ich vor zehn Jahre wechselte – vom Neckar Express zum echo. Damals – da wollte ich nicht. Und als ich da war – wollte ich schon wieder weg. Das war nicht meine Boulevard-Zeitung, die ich mir vorstellte. Aber ich lernte dazu - mit Mühe.


Und nach rund zwei Jahren waren wir auf dem richtigen Weg. Wir wollten nicht die erfolgreiche und geniale BILD-Zeitung, eine Zeitung für Deutschland, imitieren. Wir wollten ein Boulevard-Blättchen für die Region Heilbronn-Franken machen, ein schwäbisch-fränkisches BILD'le - quasi. Und das sollte auch noch erfolgreich sein. War es.


Jetzt hatten wir im September gemeinsam zehn Jahre echo gefeiert – schön war es, sehr schön. Fast so schön wie hier. Für mich – das hatte ich schon beim 10-Jahre-Geburtstag gesagt – ist die echo-Geschichte eine gewisse Liebesgeschichte. Denn auch eine Zeitung kann man mögen, sogar lieben, wenn man mit ihr zusammenleben will.


Ich habe das echo in einem gewissen Sinne geliebt, das gebe ich zu – sogar beide – Mittwoch und Sonntag. Allerdings nicht wie Menschen. Das wäre ja auch zuviel gefordert – für einen Sünder, wie ich einer bin.


Zu dieser echo-Liebe gehören nicht nur schöne Augen machen, sondern auch Kritik und Krach. Natürlich sachlich vorgetragen – die Kollegen von der Anzeigenabteilung wissen, worüber ich rede.


Diese echo-Liebe muss für die Zeitungs-Macher allerdings heißen: die Menschen in der Region mögen. Schwäbisch gesagt: den Menschen aufs Maul schauen - und sie gleichzeitig kritisch beobachten. Und das mit Distanz, sonst glauben sie uns nichts.


Denn unsere Leser tun es ähnlich mit uns – beobachten uns sehr genau, sehr kritisch, was wir, die Zeitungsmacher, so tun oder auch nicht. Und wenn ihnen das Blatt nicht gefällt, dann werden sie böse - oder noch schlimmer: einfach ignorant - gleichgültig. Die höchste Strafe.


Wenn unseren Lesern jedoch das Blatt gefällt, dann entsteht mit der Zeit vielleicht ein Verhältnis – eine Leser-Blatt-Bindung – und wenn es hochkommt – dann kann daraus sogar eine Liebe entstehen.


Ratschläge werde ich jetzt keine geben, weder der echo-Radaktion noch meinem Nachfolger – es gibt keinen Grund. Der Zyniker würde sagen: Ratschläge gebe ich ohnehin nur noch gegen Geld. Ich drücke einfach die Daumen.


In diesem Sinne wünsche ich dem Medienunternehmen Heilbronner Stimme, den echo-Machern, Redaktion, Anzeigenabteilung – einfach dem gesamten Team, viel Glück. Vor allem aber Dir, lieber Ulrich Horndacher – Gesundheit und weiterhin Erfolg, auch ohne mich. Und den echo-Lesern für die nächsten zehn Jahre eine heiße Liebe – mittwochs und sonntags.


Vielen Dank.


Zum Wohl - auf das echo.

Zum 50. Geburtstag - für Stefan Raffai (1997)



Für Stefan Raffai
Zum 50. Geburtstag
Rede von Jürgen Dieter Ueckert
Heilbronn am 23. Februar 1997

"Stefan ist ein begabter Junge"

Lieber Stefan, liebe Brigitte,

vielen Dank für die großzügige Einladung hier aufs Schiff- aber das ist ja auch angemessen, wenn man ein halbes Jahrhundert feiert - und dazu noch als Fisch. Zur Ehre gereicht es nicht, 50 zu werden, aber es ist schon eine enorme Leistung - bei all den Versuchungen und schönen Widrigkeiten, die uns so im Leben begegnen. Ich trete ja nächstes Jahr in diesen Club der Junggreise ein.

Wir feiern heute ein halbes Jahrhundert Stefan Raffai - des Fische-Mannes auf dem Schiff. Horoskope sind ja eine neckische Freude für uns alle, ein Gesellschaftsspiel - und für einige Zeitgenossen ein lukratives dazu. Unter keinem Sternzeichen, so las ich über Stefan, findet man so sanftmütige und friedfertige Menschen wie unter dem der Fische, liebe Brigitte - bitte bestätigen. Sie sind freundlich, rücksichtsvoll, besitzen einen gesunden Humor, passen sich bereitwillig auch unangenehmen Erfordernissen an und machen sich aufgrund dieser Eigenschaften kaum Feinde.

Der sanftmütige Fische-Mensch Stefan Raffai erweist sich bei näherem Hinsehen als einer, der sich dadurch als effektiv beweist, daß er überall „durchschwimmt“, nirgends aneckt, sich anpaßt oder sich klug  seinen Freiraum schafft, wo ihm keiner etwas anhaben kann - nachzulesen in einem Unterländer Anzeigenblatt. Fische gelten darüber hinaus auch noch als unheilbare Romantiker. Schon bemerkt, Brigitte? Sie haben zwar ihre Methoden, das zu verbergen, aber sie werden es ewig bleiben. Dabei geht es nicht nur um Liebesangelegenheiten, sondern um alles im Leben. Sie leben sehr in ihrer Phantasie, und in dieser Phantasie ist alles wie im Film, in dem ständig die Szenen wechseln. Und dabei ist der Stefan gar kein großer Kinogänger.
Übrigens: Die Fische sollen sich schnell langweilen, schneller als jedes andere Sternzeichen. Die sich ständig wechselnde Landschaft des Meeresgrundes läßt sich halt nicht so gut durch die unveränderlichen Banalitäten des Lebens auf dem trockenen Land ersetzen.

Und was erwartet den Fische-Mann Stefan in der kommenden Woche? Endlich hast Du beruflich wieder festen Boden unter den Füßen und wirst von den Kollegen akzeptiert - sagt das Horoskop. Mit Leistung kannst Du die letzten Zweifel an Deiner Qualifikation ausräumen. Wenn Du dich allerdings jetzt unterfordert fühlst, dann suche nach einer neuen Aufgabe. Das würde wohlwollend zur Kenntnis genommen und erleichtert die Verhandlungen über eine finanzielle Verbesserung. Privat, so sagt das berühmte BamS-Horoskop heute, wirst Du Dich einschränken müssen. Die Liebe steht zur Zeit an zweiter Stelle.

Dazu kann ich nur sagen - hört-hört oder lest - auch die Sterne können lügen - oder die Wahrheit sprechen. Das mußt Du ganz allein entscheiden, was stimmt. Aber die Wahrheit ist - eine ganz andere Wahrheit ist, um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: Wärst Du vor fünfzig Jahren zwei oder drei Löcher weiter rausgekrochen, dann wärst Du heute vielleicht Verleger, Chefredakteur, Milliardär oder ungarischer Botschafter in Deutschland - wer weiß. Aber zum Glück für uns alle, die wir hier versammelt sind und Essen fassen wollen, konntest Du es ja Dir nicht aussuchen - in Sikeria in Ungarn das Licht der Welt zu erblicken, die ungarische Dorflandschaft mit Deinen Geschrei so zu nerven, daß Deine arme Mutter oft die Nachbarin bitten mußte, Dich zu beruhigen, damit sie wenigsten ein paar Stunden am Tage ihre Ruhe vor Dir hatte.

Wenn nicht 1956 der Ungarnaufstand gekommen wäre, vielleicht wärst Du heute ein grandioser Ostmafiosi, würdest ein Porno-Imperium in Budapest beherrschen oder als Großgrundbesitzer durch die Welt reisen. Nicht mit der Lebensgefährtin Brigitte, sondern mit irgendeiner feschen Julischka.

Aber so es kam, wie es kommen mußte - und Deine Grundschullehrerin so treffend beschrieb: „Stefan ist ein begabter Junge, der stets bestrebt ist, seine Leistungen zu steigern.“ Das hast Du nun 50 Jahre lang bewiesen. Als es Dich von Ungarn nach Bad Rappenau verschlagen hatte, war mal gerade von Dir in deutscher Sprache „Guten Tag“ zu vernehmen. Nach eineinhalb Jahren Internat schon bist Du Deinen deutschen Mitschülern in der ihrer eigenen Sprache in den Leistungen überlegen.

Und von da ab ging es für Dich auch in deutschen Landen bergauf. Schriftsetzerlehrling bei der Heilbronner Stimme, Gesellenprüfung mit Note 2,2. Wechsel zu einem kleinen badischen Zeitungsverlag, erste journalistische Sporen dort verdient. Bei der Bundeswehr dann der Höhenflug  – weil Luftwaffe. Landung bei der Pressestelle und in der Redaktion „Fliegerkurier“. Hofschreiber und Kofferträger eines Drei-Sterne-Generals.

Weiterer Höhepunkt: Landung mit einem Hubschrauber in einem pfälzischen Vorgarten - in Uniform. Anlaß: der 50. Geburtstag von Fritz Walter, der gerade mit Sepp Herberger auf seiner Terrasse saß - und auf den Flieger mit Stefan Raffai wartete. Bisher hab ich noch keine Motorengeräusch gehört - aber es kann noch so ein Flieger beim Insel landen. Wer weiß, wer dem dann entsteigen wird?

Dann der journalistische Abstecher zu den Badischen Neuesten Nachrichten. Bekanntlich ein guter Stall. Auch HSt-Chefredakteur Dr. Wolfgang Bok hatte sich dort getummelt. Nach Heilbronn ins Mutterhaus Stimme zurück im Jahre 1971. Erste Landung: Landkreisredaktion. Ekkehard Würstle war Chef und Lehrmeister, jener Mann mit der eleganten und geschliffenen Rede. Otto Lesinger, Uwe Mundt – Kollegen der ersten Stunde. Später wurdest Du ja dann selbst Chef dieses überaus wichtigen und großen Stimme-Ressorts.

1985 erlebte ich Dich dann am Beginn einer Fernsehkarriere: als Moderator auf der Landesgartenschau in Heilbronn – Studio Wertweisen. Dort, wo ich im Südfunk-Studio weniger Meter weiter mühsam ein paar Märker mit Kultur- und anderer Berichterstattung mir als Freier hinzuverdiente. Später konnte ich das Abflammen dieses Projekts in X-Aktenordnern im Stimme-Haus nachlesen. Naja - Scheitern ist wohl zuviel gesagt - es war ja ein Versüchle, ein Test – mit einem großen Engagement der Mitarbeiter über Wochen hinweg.

Ab Februar 1987 dann beim ersten Privat-Hörfunksender - der Wechsel vom sicheren Sessel in der Zeitung ins publizistische Niemandsland. Mit Hans Georg Grimm warst Du der Pionier in diesem Minenfeld, wo die öffentlich-rechtlichen Dinosauriers Feuer spien. Mit einem für manche heute kaum noch vorstellbaren Engagement wurde das neue Radio nach einem halben Jahr Probebetrieb auf Sendung gehievt – und war zum Erstaunen vieler sofort irrsinnig erfolgreich. Das war eine Leistung, für die HSt-Verleger Frank Distelbarth Dir eigentlich heute noch die Füße küssen müßte. Aber da er ja nicht der Papst ist, sondern evangelisch, wird es wohl nie dazu kommen.

Den leidvollen Niedergang von „Radio Regional Heilbronn“ möchte ich hier nur am Rande erwähnen. Da kommen ansonsten zu viele Schmerzen auf. Auch bei mir. Von unserer journalistischen Aufbauarbeit von 1987 bis 1995 ist kaum mehr etwas vorhanden. Jetzt ist das Radio so, wie es Hans Georg Grimm nie wollte. Ich verkneife mir seine Bezeichnung dafür. Wir haben ja schließlich einen festlichen Rahmen heute. Und wollen froh und glücklich feiern.
Dein Wechsel im Oktober 1995 zurück zur Stimme – ich meine, er war auch eine gewisse Erlösung. Und wenn Du Dir vor Augen führst, wie viele Radio-Regional- oder Radio-Ton-Geschäftsführer dort in den letzten Jahren die Klinke in die Hand genommen haben, dann war dieser Schritt  auch richtig. Als Mann fürs Grobe bezeichnest Du Dich jetzt gelegentlich. Ich sage: Der Redakteur für Sonderveröffentlichungen Stefan Raffai kann mehr für die Bindung der Leser ans Blatt tun, als es so mancher Kommentar auf der ersten Seite vermag. Ich als Redakteur eines Anzeigenblatts kann Lieder davon singen.

Kollege Uwe Jacobi bezeichnete Dich  in seinem Einspalter am Freitag als „Mister Tausendsassa der Medienwelt“ im Unterland. Ein kleiner Figaro, mal hier - mal dort. Stimmt schon, wenn er den Wechsel vom fünften Stockwerk im Stimme-Haus in andere meint - und umgekehrt. Aber ich habe Dich – und ich saß Dir ja einige Jahre vis-à-vis am Schreibtisch gegenüber - ich habe Dich dabei als einen Kollegen kennen gelernt, auf den man sich hundertprozentig verlassen, mit dem man Probleme schnell und effektiv aus der Welt räumen kann. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken.

Schade, daß sich unsere Wege getrennt haben. Ich hätte noch gern lange Jahre mit Dir Radio gemacht. Wir wollten, aber durften nicht. Aber als Kiliansmännle und fast eigener Herr im Hause, ist’s auch nicht schlecht. Und Anregungen erhalte ich von Dir ja sehr schnell – dank Telefon und Fax.

Was wäre wenn ... ist eine müßige Frage. Gerade heute. Was wird? Das ist die Frage der Zukunft. Ich wünsche Dir für die nächsten 50 Jahre viel Glück, Zufriedenheit, Sprünge nach vorn im Beruf, viele schöne Reisen mit Brigitte – und ich wünsche Dir, um es militärisch auszudrücken: „Auf daß der Wind in Deinem Rücken nie Dein eigener sei.“ (Billy Wilder „Extrablatt“; der Film über Journalisten – englisch: „Front Page“).

Herzlichen Glückwunsch.

Heilbronn, 23. Februar 1997