Von Jürgen Dieter Ueckert
Um
in Heilbronn gutes Theater zu sehen - so meinen Spötter - müsse man ins Rathaus
gehen - und als Zuschauer an den Sitzungen des Gemeinderats teilnehmen. Nur
dort habe das wahre Theater Heilbronns seine Heimstätte. Richtig an dieser
ironischen Bemerkung ist - zwischen den Zeilen gelesen - die Beschreibung des
kulturellen Humus, auf dem das Pflänzchen „Theater“ in Heilbronn mehr oder
minder gedeihen konnte.
Nahezu
drei Jahrzehnte stritt der Gemeinderat im Rathaus um einen Neubau fürs Theater, der nun
mit einer ungeahnten Schnelligkeit am Berliner Platz aus dem Boden schießt.
Ohne und mit einem provisorischen Theater hielten die Heilbronner die Zeit
seit der Zerstörung des Theaterbaus auf jenem Berliner Platz aus - zunächst am 4. Dezember 1944 bei einem Bombenangriff wurde das Jugendstiltheater beschädigt; und 1972 wurde der Fischer-Bau durch viel Sprengstoff endgültig platt gemacht. Theater in
Heilbronn - so scheint es - ist und war nur ein notwendiges Übel. Eine
gepflegte Tradition der dramatischen Kunst existiert in der Stadt des Kleist‘schen
Käthchens nicht.
,,Das
Theater muß nämlich durchaus etwas Überflüssiges bleiben dürfen, was freilich
dann bedeutet, daß man für den Überfluß lebt. “ Sagte einst der Ost-Berliner
Dramatiker Bertolt Brecht. Ein Teil des kommunalen Lebens dem
Überflüssigen widmen - dem Theater? Das gab es in Heilbronn noch nie. Und soll es auch nicht geben - wie es politisch
scheint.
Gründe
für die nichtvorhandene Heilbronner Theatertradition? Brechts Aussage gefolgt,
bietet sich im politischen Bereich eine Antwort an. Peter Putzer - Engländer,
Wissenschaftler aus Oxford - hatte in einer Untersuchung über das
Nachkriegs-Heilbronn festgestellt: das
Heilbronner Unterland weise ,,eine soziale Struktur (auf), die durch
verbreiteten Klein- und manchmal Kleinstbesitz gekennzeichnet ist".
Herausgestellt
wird in seinem Aufsatz, daß die politischen Parteien sich immer
konservativer gebärdet hätten als ihre Vorstände in der jeweiligen Metropole –
sei es nun Berlin oder Bonn. Die SPD-Heilbronn sei jeweils liberaler und
weniger radikal als die Zentrale, die CDU und ihre Partei-Vorgänger
sei mittelständischer geprägt und mit den Traditionen der Bauern-Parteien behaftet und
die Liberalen seien weitaus konservativer eingestellt als ihr Reichs- oder Landesdurchschnitt.
Liberal in Heilbronn habe Tradition - man sei "urdemokratisch" - im Vergleich zu anderen deutschen Städten. Seit 1819 - mit einer Unterbrechung von zwölf Jahren
- sei Heilbronn von einer konstitutionellen Regierung verwaltet worden. Daher auch der Name: „Die Stadt der Krämerseelen“ - ein wenig schmeichelhaftes Wort. Aber darin
liege die Stärke der Franken-Metropole Heilbronn begründet. Nicht im Theater.
Demnächst wird es zwei
Theaterbauten im 20. Jahrhundert in Heilbronn geben. Das eine zu Beginn des
Jahrhunderts gebaut, das andere jetzt. Aber ein Heilbronner Theater hatte im
süddeutschen Raum bisher keine besondere Bedeutung, die den Theatern von Ulm, Tübingen,
Freiburg, Heidelberg und Mannheim gleichkäme. Heilbronn war kein Ort, an dem
Künstlerpersönlichkeiten - im dramatischen Bereich der Kunst - heranwachsen
konnten.
Bedeutende
Uraufführungen sind nicht nachzuweisen, auch nicht Schauspieler oder Regisseure, die von
Heilbronn aus begannen, das deutsche oder internationale Theater zu verändern
oder zu beeinflussen. Das Theater Heilbronns hatte immer - auch vor dem Krieg
- mit dem Überleben zu kämpfen. Georg Hahn, Oberspielleiter: In Heilbronn werden Schauspieler von Lehrlingen zu Gesellen ausgebildet und geformt.
Das
zweite Theater Heilbronns auf dem Berliner Platz wird vom Bau her Größe
ausstrahlen. Ob es auch ein Theater-Mittelpunkt wird, darüber entscheiden Schauspieler
und Regisseure, die im neuen Haus arbeiten werden - und vor allem das Publikum.
Die
Zeit des Theater-Provisoriums im Gewerkschaftshaus in der Gartenstraße Heilbronns soll 1982
beendet sein. Ein endgültiges „Aus" der Heilbronner Kultur-Nachkriegszeit?
In den vergangenen drei Jahrzehnten wurde im Gewerkschaftshaus Theater gespielt,
das dem Begriff der „Werktreue“ untergeordnet war. Ein Begriff, der in der
theoretischen wie praktischen Welt des Theaters nicht existiert. Schaut man in
Lexika fürs Theater nach, findet man ihn nicht. Woher also kommt er?
Verpflichtet
fühle man sich dem Dichter, dem Theater-Autor - sonst niemandem. So lauteten
die Worte der Heilbronner Erklärung für diesen Begriff. Man wolle das Stück vom
Blatt spielen - unverfälscht. Allerdings - Dichter, Schriftsteller, die
Theater-Literatur produzieren, sind in den meisten Fällen keine Theaterleute.
Umgeformt
wird also ein Literatur-Produkt zu einem Theaterspiel – während der Probenarbeit. Heutzutage arbeiten
Regisseure oft länger an einer Inszenierung als mancher Schriftsteller an der
Herstellung ihrer Text-Vorlage.
Theater
hat nach eigenen Gesetzen Texte, die ein Gerippe sind, umzusetzen. Absurd, wenn
verlangt wird, Theater zu spielen wie zu Zeiten Goldonis, Molieres oder Shakespeares.
Der Begriff „Werktreue", in sich romantisch und deutschtümelnd, bezeichnet
nur die Abwehr. Die Abwehr eines Theatermannes gegen den Einfluß der Politik im
Theater.
Gustaf
Gründgens gegen Joseph Goebbels. Der Theatermann, der die Begrifflichkeit der
Nazis verwandte, um im Schutz dieses Wortes „seine“ Auffassung von Theater
darstellen zu können. Hintergrund: das ,Gesamtkunstwerk‘ und das ,Original-Genie',
das nur in sich abgeschlossene Kunstwerke gebiert. Insofern: Kunst als anbetungswürdiger Ersatz.
Eine l’art pour I‘art-Haltung, die den Hersteller von Theater zum Sklaven
macht, ihn aber gleichzeitig aus aller Kritisierbarkeit heraushebt.
Hinter
dem Begriff der Werktreue sich verstecken, das heißt einzugestehen, das eigene
Wollen nicht verwirklichen zu können. Der Autor wird damit auf einem hohen
Podest gestellt - weit entrückt vor dem Zuschauer und auch dem Schauspieler,
der wiederum nur den Willen einer übergeordneten geistigen Macht ausführt.
Theater
als Kunsthandwerk, Regisseure als Nach-Maler eines einmal hergestellten,
unveränderbaren Gemäldes? Wenn das Theater wäre, bestünde es nicht mehr.
Sehr
salopp drückte es einst Georg Hensel, der FAZ-Theaterkritiker aus, indem er
behauptete, „Tragödie und Komödie sind zunächst nichts anderes als
Verkehrsunfälle, die zu sehen eine Menge Menschen ins Theater geht".
Diese
Unfälle zu arrangieren, auch das ist Theaterarbeit. Literatur nach- und neu-zu-denken,
umzuformulieren für die Bühne - das scheint mir die Hauptaufgabe heutiger
Theaterleute. Nicht das Abschnurren von Texten (und wie kunstfertig das
herstellt wird) ist gefragt, sondern das immer wieder auffindbare Herausarbeiten
der Alltäglichkeit sogenannter großer Themen unserer Zeit.
Wenn
in Heilbronn Schauspieler und Regisseure nicht mündig werden gegenüber der zu
spielenden Literatur, wenn sie nur Knechte von vorgefertigten Texten bleiben
wollen, nur Nachplapperer von vorformulierten Worten - dann hat Heilbronn es
kaum nötig gehabt, ein neues Haus zu bauen.
Denn
für die „Überflüssigkeit" Theater muß gelebt und auch erlebt werden - vor
allem von denen, die sie herstellen. Gefällige Schwätzer schöngeistiger Worte
für die Satten - das gab’s einmal.
In
einem demokratischen Staat sollte das nicht mehr Vorkommen. Theater in
Heilbronn darf - wenn es Bestand haben will - nicht in einer selbstverachtenden
Verteidigungshaltung bleiben - wie es der ominöse Begriff „Werkstreue“ verdeutlicht.
Es
muß zeigen, daß Theater Partner der Literatur und nicht Knecht ist. Es muß
zeigen, daß auf der Bühne ein Spiel von mündigen für mündige Menschen geboten
wird. Erst dann bietet Theater seinem Publikum Aufklärung und auch Spaß.
Heilbronn am 12.12.1981
