Sonntag, 30. März 2014

„Werktreue“ beim Theater ist etwas für Sklaven (1981)

Thea­ter als Partner der Literatur - nicht ihr Knecht

Von Jürgen Dieter Ueckert

 Um in Heilbronn gutes Theater zu sehen - so meinen Spötter - müsse man ins Rathaus gehen - und als Zuschauer an den Sitzungen des Gemeinderats teilnehmen. Nur dort habe das wahre Theater Heilbronns seine Heimstätte. Richtig an dieser ironischen Bemerkung ist - zwi­schen den Zeilen gelesen - die Beschreibung des kulturellen Hu­mus, auf dem das Pflänzchen „Thea­ter“ in Heilbronn mehr oder minder gedeihen konnte.

Nahezu drei Jahr­zehnte stritt der Gemeinderat im Rathaus um einen Neubau fürs Theater, der nun mit einer ungeahnten Schnelligkeit am Berliner Platz aus dem Boden schießt. Ohne und mit einem provi­sorischen Theater hielten die Heil­bronner die Zeit seit der Zerstörung des Theaterbaus auf jenem Berliner Platz aus - zunächst am 4. Dezember 1944 bei einem Bombenangriff wurde das Jugendstiltheater beschädigt; und 1972 wurde der Fischer-Bau durch viel Sprengstoff endgültig platt gemacht. Theater in Heilbronn - so scheint es - ist und war nur ein notwendiges Übel. Eine gepflegte Tradition der dramatischen Kunst existiert in der Stadt des Kleist‘schen Käthchens nicht.

,,Das Theater muß nämlich durch­aus etwas Überflüssiges bleiben dürfen, was freilich dann bedeutet, daß man für den Überfluß lebt. “ Sagte einst der Ost-Berliner Dramatiker Bertolt Brecht. Ein Teil des kommunalen Lebens dem Überflüs­sigen widmen - dem Theater? Das gab es in Heilbronn noch nie. Und soll es auch nicht geben - wie es politisch scheint.

Gründe für die nichtvorhandene Heilbronner Theatertradition? Brechts Aussage gefolgt, bietet sich im politischen Bereich eine Antwort an. Peter Putzer - Engländer, Wissenschaftler aus Oxford - hatte in einer Untersuchung über das Nachkriegs-Heilbronn festgestellt: das Heilbronner Unterland weise ,,eine soziale Struktur (auf), die durch verbreiteten Klein- und manchmal Kleinstbesitz gekennzeichnet ist".

Herausgestellt wird in seinem Aufsatz, daß die politischen Parteien sich immer konservativer gebärdet hätten als ihre Vorstände in der jeweili­gen Metropole – sei es nun Berlin oder Bonn. Die SPD-Heilbronn sei jeweils liberaler und weniger radikal als die Zentrale, die CDU und ihre Partei-Vorgänger sei mittelständischer geprägt und mit den Traditionen der Bauern-Parteien behaftet und die Libe­ralen seien weitaus konservativer einge­stellt als ihr Reichs- oder Landesdurchschnitt.

Liberal in Heilbronn habe Tradition - man sei "urdemokratisch" - im Vergleich zu anderen deutschen Städten. Seit 1819 - mit ei­ner Unterbrechung von zwölf Jah­ren -  sei Heilbronn von einer konstitutionellen Regierung verwal­tet worden. Daher auch der Name: „Die Stadt der Krämerseelen“ - ein wenig schmeichelhaftes Wort. Aber darin liege die Stärke der Fran­ken-Metropole Heilbronn begründet. Nicht im Theater.

Demnächst wird es zwei Theaterbauten  im 20. Jahrhundert in Heilbronn geben. Das eine zu Beginn des Jahrhunderts gebaut, das andere jetzt. Aber ein Heilbronner Theater hatte im süd­deutschen Raum bisher keine besondere Be­deutung, die den Theatern von Ulm, Tübingen, Freiburg, Heidelberg und Mannheim gleichkäme. Heilbronn war kein Ort, an dem Künstlerpersönlichkeiten - im dramatischen Bereich der Kunst - heranwachsen konnten.

Be­deutende Uraufführungen sind nicht nachzuweisen, auch nicht Schauspieler oder Regisseure, die von Heilbronn aus begannen, das deutsche oder inter­nationale Theater zu verändern oder zu beeinflussen. Das Theater Heil­bronns hatte immer - auch vor dem Krieg - mit dem Überleben zu kämp­fen. Georg Hahn, Oberspielleiter: In Heilbronn werden Schauspieler von Lehrlingen zu Gesellen ausgebildet und geformt.

Das zweite Theater Heilbronns auf dem Berliner Platz wird vom Bau her Größe ausstrahlen. Ob es auch ein Theater-Mittelpunkt wird, darüber entscheiden Schau­spieler und Regisseure, die im neu­en Haus arbeiten werden - und vor allem das Publikum.

Die Zeit des Theater-Provisoriums im Gewerkschaftshaus in der Gartenstraße Heilbronns soll 1982 beendet sein. Ein endgülti­ges „Aus" der Heilbronner Kultur-Nachkriegszeit? In den vergange­nen drei Jahrzehnten wurde im Gewerkschaftshaus Theater gespielt, das dem Begriff der „Werktreue“ untergeordnet war. Ein Begriff, der in der theoretischen wie praktischen Welt des Theaters nicht existiert. Schaut man in Lexika fürs Theater nach, findet man ihn nicht. Woher also kommt er?

Verpflichtet fühle man sich dem Dichter, dem Theater-Autor - sonst niemandem. So lau­teten die Worte der Heilbronner Erklärung für diesen Begriff. Man wolle das Stück vom Blatt spielen - unver­fälscht. Allerdings - Dichter, Schriftsteller, die Theater-Literatur produzieren, sind in den meisten Fällen keine Theater­leute.

Umgeformt wird also ein Literatur­-Produkt zu einem Theaterspiel – während  der Probenarbeit. Heutzutage arbeiten Regisseure oft länger an einer Inszenierung als mancher Schrift­steller an der Herstellung ihrer Text-Vorlage.

Theater hat nach eigenen Gesetzen Texte, die ein Gerippe sind, umzusetzen. Absurd, wenn verlangt wird, Theater zu spielen wie zu Zeiten Goldonis, Molieres oder Shake­speares. Der Begriff „Werktreue", in sich romantisch und deutschtümelnd, bezeichnet nur die Abwehr. Die Abwehr eines Theatermannes gegen den Einfluß der Politik im Theater.

Gustaf Gründgens gegen Joseph Goeb­bels. Der Theatermann, der die Begrifflichkeit der Nazis verwandte, um im Schutz dieses Wortes „seine“ Auf­fassung von Theater darstellen zu können. Hintergrund: das ,Gesamt­kunstwerk‘ und das ,Original-Genie', das nur in sich abgeschlossene Kunstwerke gebiert.  Insofern: Kunst als anbe­tungswürdiger Ersatz. Eine l’art pour I‘art-Haltung, die den Herstel­ler von Theater zum Sklaven macht, ihn aber gleichzeitig aus aller Kritisierbarkeit heraushebt.

Hinter dem Begriff der Werktreue sich verstecken, das heißt einzugestehen, das eigene Wollen nicht verwirkli­chen zu können. Der Autor wird damit auf einem hohen Podest gestellt - weit entrückt vor dem Zuschauer und auch dem Schauspieler, der wieder­um nur den Willen einer übergeord­neten geistigen Macht ausführt.

Theater als Kunsthandwerk, Regis­seure als Nach-Maler eines einmal hergestellten, unveränderbaren Ge­mäldes? Wenn das Theater wäre, bestünde es nicht mehr.

Sehr salopp drückte es einst Ge­org Hensel, der FAZ-Theaterkritiker aus, indem er behauptete, „Tragödie und Komödie sind zunächst nichts ande­res als Verkehrsunfälle, die zu se­hen eine Menge Menschen ins Theater geht".

Diese Unfälle zu ar­rangieren, auch das ist Theaterar­beit. Literatur nach- und neu-zu-den­ken, umzuformulieren für die Büh­ne - das scheint mir die Hauptauf­gabe heutiger Theaterleute. Nicht das Abschnurren von Texten (und wie kunstfertig das herstellt wird) ist gefragt, sondern das immer wieder auffindbare Herausarbeiten der All­täglichkeit sogenannter großer The­men unserer Zeit.

Wenn in Heilbronn Schauspieler und Regisseure nicht mündig wer­den gegenüber der zu spielenden Literatur, wenn sie nur Knechte von vorgefertigten Texten bleiben wol­len, nur Nachplapperer von vorfor­mulierten Worten - dann hat Heil­bronn es kaum nötig gehabt, ein neues Haus zu bauen.

Denn für die „Überflüssigkeit" Theater muß ge­lebt und auch erlebt werden - vor allem von denen, die sie herstellen. Gefällige Schwätzer schöngeistiger Worte für die Satten - das gab’s einmal.

In einem demokratischen Staat sollte das nicht mehr Vorkommen. Theater in Heilbronn darf - wenn es Bestand haben will - nicht in einer selbstverachtenden Verteidigungshaltung bleiben - wie es der ominöse Begriff „Werkstreue“ ver­deutlicht.

Es muß zeigen, daß Thea­ter Partner der Literatur und nicht Knecht ist. Es muß zeigen, daß auf der Bühne ein Spiel von mündigen für mündige Menschen geboten wird. Erst dann bietet Theater seinem Publikum Aufklärung und auch Spaß.

Heilbronn am 12.12.1981

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen