Fürst Alf Lieven
Acryl- und
Ölbilder, Zeichnungen, Collagen
Rede von
Jürgen Dieter Ueckert
Meine Damen, meine Herren,
ich danke
Ihnen, dass Sie den Weg zur Eröffnung der dritten Ausstellung in der Galerie
des Neckar-Express-Stadtbüros gefunden haben.
Die Acryl- und
Ölbilder, die Zeichnungen und Collagen von Fürst Alf Lieven sind für uns die
erste Präsentation von Malerei, die wir eigenständig mit einer Vernissage
eröffnen. Die Auftakt-Ausstellung hier in der Neckar-Ex- press-Galerie mit
Bildern von Fred Stelzig und Möbeln von Paul Schulz lag in erster Linie in der
Obhut des Fleiner Möbelhauses.
Die zweite
Ausstellung mit den „Kopien alter Meister" von Erhart Rommer war ein, wie
wir meinen, originelles Bonbon zum Weihnachtsfest und zum Jahreswechsel für
die Kunden des Neckar-Express - ohne Eröffnungsveranstaltung. Dafür war dann
das Fernsehen des Südfunks hier bei uns zu Gast - und somit eine landesweite
Öffentlichkeit hergestellt.
Und die dritte
Veranstaltung mit der Ein-Mann-Show des Schauspielers Heinz Kipfer und seines
„Konfetti-Hamlet" war bisher der rauschende Höhepunkt unseres
Veranstaltungsreigens - mit einer sich anschließenden kleinen Premierenfeier.
Mit unseren
Abenden hier im Neckar-Express-Stadtbüro, die der Kunst vorbehalten sind - sei
es nun Theater, Kabarett oder Malerei, mit diesen Galerie-Abenden wollen wir
nicht das wiederholen, was schon an vielen Orten dieser Stadt gezeigt worden
war.
Speziell bei
der Malerei oder der bildenden Kunst soll die Richtung unseres Ausstellens
dadurch bestimmt sein, dass wir ständig auf der Suche nach Künstlern aus unserer
näheren Umgebung sind, die abseits des auch hier schon einsetzenden
Kunstrummels hart und intensiv im verborgenen für sich arbeiten.
Wir wollen
also nicht in erster Linie Plattform sein für
Kunsterzieher oder Hobbymaler, die von einer Bankhaus- zur Sparkassen-, von
einer Möbelhaus- zur nächsten Kneipenausstellung gereicht werden. Wir wollen
also nicht für jene da sein, die sich schon lange Zeit und kenntnisreich auf
dem Forum künstlerischer Eitelkeiten zu bewegen verstehen.
Kurz gesagt:
Wir wollen die Blumen am Wegesrand, so wir sie finden, pflücken - ausstellen,
bekannt machen durch unsere kleine Galerie hier im ersten Stock und im
Untergeschoß des Neckar-Express-Stadtbüros.
Galerie-Arbeit
Für einen
kleinen Verlag nebenher Galerie-Arbeit zu bewerkstelligen - das ist eine völlig
neue, teilweise außerordentlich erfrischende, aber auch den normalen
Arbeitsalltag stark belastende Tätigkeit. Da die Redaktion sozusagen die
Koordinationsaufgabe zu leisten hat, kann ich als Redakteur des Neckar-Express
Lieder mit vielen Strophen von dieser Belastung singen.
Deshalb: Von
hier aus vielen Dank dem WeFa-Werbefach-Verlag Heilbronn, dass er diese und
die anderen Ausstellungen ermöglicht hat. Vornehmlich Dank aber allen
Mitarbeitern, die so tatkräftig geholfen haben, die vielen notwendigen Kleinigkeiten
zu besorgen. Hier darf ich stellvertretend Sabine Rückriem und Rainer Scholte
erwähnen. Dank auch dem Möbelhaus Paul Schulz und dem Stereo-Studio Nieschmidt
für die Strahler und die Lautsprecheranlage.
Ganz herzlichen
Dank aber möchte ich Frau Huberta Mertz und Christine Gräfin Adelmann für die
sorgsame Unterstützung beim Zustandekommen dieses Eröffnungsabends von Fürst
Alf Lieven sagen. Herrn Hans-Dieter von Keiz und dem
Druckhaus Horch in Neckarsulm danke ich besonders - denn ohne Sie, lieber Herr
von Keiz, als treusorgender Unterstützer Alf Lievens, wäre die Ausstellung
nicht das, was sie heute ist.
Düster und hell
Bilder sind
Anregungen zu menschlicher Kommunikation. Ein lapidarer Satz. Bilder in der
Kunst können heute kaum noch indirekte Informationsvermittlung sein. Diese
Funktion haben andere Medien übernommen. Der Maler als Künstler kann also
kaum mehr Illustrator von Zeitgeschehen sein, soll auch nicht mehr einen
breiten Aha-Effekt auslösen. Das können Showmaster, Fernseh-Berichterstatter,
Pressefotografen und Filmemacher viel besser.
Alf Lieven ist
einer jener Maler und Zeichner, die eine breite Öffentlichkeit mit ihren
Produkten nicht von vornherein anstreben, sondern sie erst Freunden, Bekannten
zeigen, mit ihnen darüber diskutieren - und dann auf Anregung dieser an eine
größere Öffentlichkeit gehen. Dieses Verhalten hat Fürst Alf Lieven für uns
prädestiniert.
Seitdem er
denken könne, sagte er mir neulich, habe er gemalt und gezeichnet. Und das ist
dabei herausgekommen - könnte so mancher skeptische Besucher heute Abend
sagen. Ja - das ist es.
Und wir sind
froh, ihn hier ausstellen zu können. Die Bilder, die Sie
in unseren beiden Räumen sehen können, sind in den achtziger Jahren entstanden.
Die schwarzweißen, die dunklen Werke aus der „düsteren Phase“ des Alf Lieven
werden Sie hier nicht finden. Unter Kennern und Freunden in Heilbronn aber sind
sie bekannt und teilweise auch so beliebt, dass sie gekauft wurden.
Der Maler steht
heute zu seinen figürlich-gegenständlichen, in düsteren Farben gehaltenen
Bildern nicht mehr - die Phase sei vorbei und daher auch momentan nichts davon
vorzeigbar. Die neuen Bilder sind heller, wenden sich Räumen, Landschaften
zu, mit ihren gebrochenen Farben - tragen in sich lichte, auch hoffnungsschwangere
Momente. Ich möchte hier keine allzu großen Bild-Erläuterungen geben - komme
aber auf die ausgestellten Werke nochmals zurück.
Freies Arbeiten
Lassen Sie mich
zunächst aber einige Bemerkungen über Fürst Alf Lieven machen, Informationen
geben - die Sie in Ansätzen schon im farbigen Faltprospekt nachlesen konnten.
Während seiner Ausbildungszeit an der Freien Kunstschule in Stuttgart in den
sechziger Jahren, vor allem bei seinem Lehrer Gerd Neisser, wurden für Alf
Lieven die handwerklichen Grundlagen gelegt: Aktzeichnen, Portrait, grafisches
Zeichnen.
Die sorgsame
pädagogische Führung durch seinen Lehrer geleitete den jungen Künstler relativ
schnell auf Gebiete, auf denen er seine Fähigkeiten stärker zum Tragen bringen
konnte. „Das ganz freie Arbeiten" - heißt das Stichwort für Alf Lieven.
Großzügig mit der Fläche, dem Pinsel und den Farben umgehen. Nichts
Pingeliges - wie er mit preußischem Understatement zu sagen pflegt.
An der
Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart - seltsam: Den Russen -
oder besser Baltendeutschen - Alf von Lieven, der in Hannover im drögen Norden
aufwuchs, hat die Weinstadt Stuttgart und jetzt die Weinstadt Heilbronn immer
wieder festgehalten - an der Akademie in Stuttgart lernte er in der Klasse für
Malerei bei Professor Rudolf Haegele Flächenbewegungen in Freiheit mit
Disziplin auszuführen.
Das verhält
sich wie mit jenem, der durch die Wüste fährt. Nur wer diszipliniert, ordentlich
vorbereitet die Kälte, die gleißende Hitze überwinden will, kann es schaffen.
Der Chaot aber, auch der Nachlässige - sie verdursten sofort.
So übte Alf
Lieven sich teilweise ganze Semester hindurch nur mit ein, zwei Farben auf der
Fläche, die dem Maler Himmel, Erde und Hölle zugleich sein kann. Die
„Pop Art", die Sie ja alle kennen, oder „Hard Edge", jene Richtung,
die in der Malerei die klaren, geometrischen Formen und kontrastreichen Farben
verwandte, diese beiden Stilrichtungen der Moderne sind Stichworte für zu
Beginn der siebziger Jahre aufbrechende Kunststudenten.
Auch Alf Lieven
wurde von diesen modernen, modernistischen oder nur modischen Reizen
angeregt. Aber letztlich band er sich doch wieder in die Disziplin.
Die Arbeit mit dem Stuttgarter Architekten Frei Otto im „Institut für leichte
Flächentragwerke " am Projekt „Olympia-Dach" in München zu Beginn
der siebziger Jahre gab ihm eine konkrete Erweiterung für den Raum und die Dimensionen.
Niederschlag
fand diese spannungsreiche Arbeit mit Architekten in der Hochzeit
der Studenten-Unruhen in Katalog-Zeichnungen, also in angewandter, dekorativer
Herstellung von Zeichnungen. Professor Frei Otto wollte Nichtfachleute,
Unbelastete von der Architektur - und Alf Lieven ist ein solcher Mann
gewesen.
Bis 1975 war
er dann noch im Privat-Atelier von Frei Otto mit zeichnerischen Aufgaben beschäftigt.
In den hier in der Galerie ausgestellten Werken kann man diese Einflüsse von damals
den Bildern entnehmen.
In die Dinge
schauen
Fürst Alf Lieven
hat eine starke Affinität zum Ballett. Nicht nur, weil sein Bruder einst Tänzer
bei John Cranko war. Ich glaube, die Bewegung in seinen Bildern hat
viel von tänzerischem Ausdruck.
Bei der Vorbereitung
dieser Rede sprachen wir auch über Literatur – zum Beispiel über Thomas Mann – auch
über die wunderbare Erzählung „Tonio Kröger“ – aber insbesondere über Herrn
Knaak, Ballettmeister aus Hamburg, der zum Privatunterricht in Tanz und Anstand
in die Salons Lübecker Patrizierfamilien angereist kam.
François Knaak war sein Name: „In weichen Falten
fiel sein Beinkleid auf seine Lackschuhe hinab, die mit breiten Atlasschleifen
geschmückt waren, und seine braunen Augen blickten mit einem müden Glück über ihre eigene Schönheit..."
Dieser Herr
Knaak lehrte - wie gesagt - Tanz und Anstand; und mit dem
Anstand verhielt es sich wie folgt: „Man
stand nicht da, indem man die Hände auf den Bauch faltete und die Zunge in den Mundwinkel schob;
tat man es dennoch, so hatte Herr Knaak eine Art, es ebenso zu machen, daß man
für den Rest seines Lebens einen Ekel vor dieser Haltung bewahrte . . . "
Und um
„Anstand" zu haben, ja da musste man sein wie Herr Knaak: „Wie ruhevoll und unverwirrbar Herrn Knaaks
Augen blickten! Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und
traurig werden; sie
wußten nichts, als daß sie braun und schön seien. Aber deshalb war seine Haltung
so stolz! Ja, man mußte dumm sein, um so schreiten zu können wie er; dann wurde
man geliebt, denn man war liebenswürdig."
Thomas Mann
lässt seinen Tonio Kröger über diesen Herrn Knaak denken: „Was für ein unbegreiflicher Affe." - Warum erzähle
ich Ihnen diese ironische Betrachtung eines Tanzlehrers von Thomas Mann.
Wer in die
Dinge hineinschaut bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden, der
hat schon sehr viel von dem geschaut, was Alf Lieven in seinen Bildern
darstellt.
Um in die Dinge sehen
zu können, muss man nicht Fachmann sein, Spezialist für Seelenkunde, sondern
offen für die Freuden und die Leiden der Menschen, auch für die Freuden
und Leiden bei sich selbst.
Akzeptieren zu lernen, dass
es im menschlichen Leben nicht nur um das Glück, nicht nur um den Komparativ
des Schöner, Besser, Schneller, Größer geht, sondern auch um das Gegenteil von
all dem - das ist eine Erkenntnis aus den Bildern des Alf Lieven, die ich
gewinnen konnte.
Sich der eigenen
Melancholie, der eigenen Depression stellen, nach Wegen aus dem eigenen Urwald
des Denkens und Fühlens herauszukommen suchen, das ist sein bildnerisches Credo.
Wer für sich
nur egomanisch das Glück fordert, den Erfolg einklagt, drückt seiner Umwelt
seinen geistigen oder auch seelischen Schmutz, seine Depression, seine
Melancholie auf. Und er muss alles für krank erklären, was nicht seinem Wolfsleben
entspricht.
Umweltschmutz
im Materiellen und Geistigen sind die Folgen für die anderen, die Nachbarn.
Romantisches
Sich der
Melancholie und den Depressionen stellen - dieser Prozess ist meiner
Ansicht nach in den Bildern Alf Lievens auch deutlich gemacht.
Stichworte
für diesen Charakterzug des Malers sind für mich die Lieblingskomponisten des
Alf Lieven: Franz Schubert und Gustav Mahler. Thomas Mann und Mahler - das kennen
Sie vom Film „Tod in Venedig".
Da ist nichts
von romantischem Geraune, was in so mancher neudeutschen, putzigen Architektur
sich ausdrückt. Diese Romantik hat viel mit der Psyche, dem
Abtauchen des Künstlers aus der schnöden Realität zu tun.
Die
romantische Versenkung ins Ich,
auf der Suche nach einer „blauen Blume",
die vielleicht neue Erkenntnis bringen kann, der Weg in die Grotten und
Nischen des Unterbewussten, des Unbewussten - das kann natürlich auch der Weg
in die Ver-Rücktheit eines Hölderlin sein.
Und welche Leistungen
sind da erbracht worden. Zurückzukommen in die reizüberflutete Informationsgesellschaft,
an die Oberfläche der Realität - das ist für viele dann so unerträglich, dass nur
noch der Rausch ertragen lässt, was ertragen werden muss. Faßbinder, Jimmy Hendrix - das sind nicht nur
Namen in diesem Zusammenhang.
Das ist Teil
unserer zeitgenössischen Kultur. Ein anderes Stichwort für die
Malerei Alf Lievens ist El Greco.
Jener Domenico Theotocopuli von Kreta,
der in Spanien wirkte,
Das Ockergelb,
das Rostbraun, vor allem die beiden Hauptfarben der alten byzantinischen Kunst
Schwarz und Weiß sind auch in den Bildern Alf Lievens wiederzufinden. Die
Verlängerung der Figuren, die Überhöhung des Realismus - das ist jetzt bei Lieven
nicht figürlich, aber doch als Zustandsbeschreibung von Landschaft und
Architektur gegeben.
In Alf Lievens
Bildern wird nichts Überhöhtes angebetet, sondern die Suche nach dem Hellen im
Zentrum aufgenommen. Erkenntnis endet somit bei ihm immer im Ich, im Subjekt, im sterblichen Körper,
der Mittelpunkt unseres Lebens ist, ob wir das nun akzeptieren oder nicht.
Allerdings nicht
egozentrisch, sondern wie Ernst Bloch einst sagte: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst." -
In der Suche eben, im Werden.
Denken Sie an
Mozarts Zauberflöte, wenn Pamina und Tamino bei ihren vielen Prüfungen erst
durch die vielen Höllen müssen - und flötend die Grausamkeiten überstehen.
Wenn wir nicht
die Musik haben, dann stürzen wir ab aus jenen Höhen des Ikarus - zerschmettert,
und nicht wie jener Tanzlehrer Knaak: „Beabsichtigte
er aber, sein Publikum gänzlich zu verblüffen, so schnellte er plötzlich und
ohne zwingenden Grund vom Boden empor, indem er seine Beine mit verwirrender
Schnelligkeit in der Luft umeinanderwirbelte, gleichsam mit denselben
trillerte, worauf er mit einem gedämpften, aber alles in seinen Festen erschütternden
Plumps zu dieser Erde
zurückkehrte..."
Wir kennen
diesen Plumps. Vom Theater - nicht
nur von Schauspielern und Tänzern, sondern auch von Intendanten. Und das nicht
nur in der Provinz. Auch von Politikern kennen wir den Plumps - zum Beispiel am Wahlabend, an jenem 25. Januar, als Rotkohl und Schwarzkohl plumpsten. Wie hatten sie doch gerade gewirbelt und
getrillert.
Künstler und Narr
Zur
Vorbereitung dieser Worte gehörte auch der bekannte Fragebogen des Marcel
Proust. Und Alf Lievens Antworten schildern mehr, als ich von ihm erzählen
könnte.
Sie sehen die
Bilder eines Mannes, meine Damen und Herren, dessen Lieblingstugend
„Offenheit" ist, der Fehler, „die durch Unwissenheit entstehen", am
ehesten entschuldigt, dessen Lieblingsgestalt in der Geschichte „Sigmund
Freud" heißt, der weder Lieblingshelden noch -heldinnen in der
Wirklichkeit, der Geschichte oder Literatur hat, mit Helden gar nichts anzufangen
weiß, der am liebsten in „Italien” leben möchte, dessen Lieblingsvogel die
„Krähe" ist, der am meisten „Gewalt" verabscheut, der keine geschichtlichen
Gestalten verabscheut, weil er „Menschen nicht verabscheut", der keine
militärischen Leistungen bewundert, dagegen jede Reform bewundert, die eine
„Öffnung zur Demokratie" verspricht, der als natürliche Gabe besitzen
möchte, „singen" zu können - und dessen gegenwärtige Geistesverfassung
„geschärft" ist.
Da zeigt sich
doch ein Mensch, der uns das deutlich zu machen versucht, was Romantik auch
bedeuten kann: Klarheit und Nüchternheit, Bewusstheit um die Dinge dieser Welt
- auch wenn sie kompliziert und traurig werden.
Denn ohne
Aufklärung keine Romantik. Romantik hat ja nicht allzu viel mit jener
verschwiemelten Aufklärungsduselei zu tun, die heute häufig anzutreffen ist,
nichts mit jenem Public-Relations-Humanismus in unserer Politik. Im Gegenteil: Sie schafft
Bewusstsein um die Dinge, die sind - und weniger um jene, die sein sollten.
Wer im
Gedankennetz fortschrittlicher Geschichte gefangen ist, wie die vielen
Sozialisten und Neo-Konservativen in der westlichen oder die Herren
Kommunisten in der östlichen Welt, der muss als Endergebnis
abendländischen Denkens, die toten Flüsse, die 300.000 neuen Krebskranken in
der Bundesrepublik, die Atomraketen als Betriebsunfälle oder gar Sicherungen
begreifen.
Intellektuelle
und Künstler können heutzutage, wie der Verleger Wolf Jobst Siedler sagt, nur
noch konservativ sein, wertkonservativ, bewahren, bremsen, sich gegen den
undurchdachten Fortschritt mit geistvoller Macht stemmen, damit nicht das
geschieht, von dem Alf Lievens Bilder ebenfalls künden.
Im Angesicht
des alltäglichen, optimistischen Wahnsinns, von Kriegen und Vernichtungswaffen
hilft die Melancholie, das In-Sich-Kehren - vielleicht, um zur Besinnung zu
gelangen, auch um zu bremsen. Der Künstler ist dabei wieder zum Narren
geworden, der seinen Mitmenschen den Spiegel vor Augen hält.
Hoffentlich lachen
sie nicht zu stark, denn die Fratzen und das Grauen, das sind wir ja selbst.
Und vom unbegreiflich dummen, grauenvollen Herrn Knaak haben wir ja alle, wie
wir hier stehen, eine ganze Portion in uns.
Der Künstler
ist ein Narr - aber nicht jeder Narr ist ein Künstler. Alf Lievens Bilder
haben Anklänge von jenen Narren, Filmemachern in sich, die er bewundert: Buñuel, Bergman,
Polanski, Fellini, Visconti.
Menschen
verstehen, sorgsam behandeln, auch mit beißender Ironie, in ihr inneres Leben
schauen, um zu verstehen, mitzufühlen, Erbarmen zu haben - auch wenn sie nicht
wissen, dass sie Leidende sind.
Dieses Erbarmen
hat unsere Welt heute nötiger denn je.
Und trotzdem
heißt das Motto aus dem Proust-Fragebogen des Fürst Alf Lieven: „Weiter
so."
Dem schließe ich mich an - danke Ihnen, meine Damen und Herren, für die
Aufmerksamkeit beim Zuhören und erkläre die Ausstellung für eröffnet.
Ausstellung in der Galerie des
Neckar-Express-Stadtbüros
Rede zur Ausstellungeröffnung am Donnerstag, dem 26. Februar 1987
Rede zur Ausstellungeröffnung am Donnerstag, dem 26. Februar 1987

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen