Mittwoch, 13. November 2013

Ausstellung von Fürst Alf Lieven in Heilbronn (1987)

Ausstellung von Fürst Alf Lieven in Heilbronn (1987)  
Fürst Alf Lieven

Acryl- und Ölbilder, Zeichnungen, Collagen

Rede von Jürgen Dieter Ueckert


Meine Damen, meine Herren,

ich danke Ihnen, dass Sie den Weg zur Eröffnung der dritten Ausstellung in der Galerie des Neckar-Express-Stadtbüros ge­funden haben.

Die Acryl- und Ölbilder, die Zeichnungen und Collagen von Fürst Alf Lieven sind für uns die erste Präsenta­tion von Malerei, die wir eigen­ständig mit einer Vernissage eröffnen. Die Auftakt-Ausstel­lung hier in der Neckar-Ex- press-Galerie mit Bildern von Fred Stelzig und Möbeln von Paul Schulz lag in erster Linie in der Obhut des Fleiner Mö­belhauses.

Die zweite Ausstel­lung mit den „Kopien alter Meister" von Erhart Rommer war ein, wie wir meinen, origi­nelles Bonbon zum Weih­nachtsfest und zum Jahres­wechsel für die Kunden des Neckar-Express - ohne Eröffnungsveranstaltung. Dafür war dann das Fernsehen des Süd­funks hier bei uns zu Gast - und somit eine landesweite Öf­fentlichkeit hergestellt.

Und die dritte Veranstaltung mit der Ein-Mann-Show des Schau­spielers Heinz Kipfer und sei­nes „Konfetti-Hamlet" war bis­her der rauschende Höhepunkt unseres Veranstaltungsreigens - mit einer sich anschließenden kleinen Premierenfeier.

Mit unseren Abenden hier im Neckar-Express-Stadtbüro, die der Kunst vorbehalten sind - sei es nun Theater, Kabarett oder Malerei, mit diesen Ga­lerie-Abenden wollen wir nicht das wiederholen, was schon an vielen Orten dieser Stadt ge­zeigt worden war.
Speziell bei der Malerei oder der bildenden Kunst soll die Richtung unseres Ausstellens dadurch bestimmt sein, dass wir ständig auf der Suche nach Künstlern aus un­serer näheren Umgebung sind, die abseits des auch hier schon einsetzenden Kunstrummels hart und intensiv im verborge­nen für sich arbeiten.

Wir wol­len also nicht in erster Linie Plattform sein für Kunsterzieher oder Hobbymaler, die von einer Bankhaus- zur Sparkassen-, von einer Möbelhaus- zur nächsten Kneipenausstellung gereicht werden. Wir wollen also nicht für jene da sein, die sich schon lange Zeit und kenntnisreich auf dem Forum künstlerischer Eitelkeiten zu bewegen verstehen.

Kurz ge­sagt: Wir wollen die Blumen am Wegesrand, so wir sie fin­den, pflücken - ausstellen, be­kannt machen durch unsere kleine Galerie hier im ersten Stock und im Untergeschoß des Neckar-Express-Stadtbüros.

Galerie-Arbeit

Für einen kleinen Verlag ne­benher Galerie-Arbeit zu be­werkstelligen - das ist eine völ­lig neue, teilweise außeror­dentlich erfrischende, aber auch den normalen Arbeitsalltag stark belastende Tätigkeit. Da die Redaktion sozusagen die Koordinationsaufgabe zu leisten hat, kann ich als Redak­teur des Neckar-Express Lieder mit vielen Strophen von dieser Belastung singen.

Deshalb: Von hier aus vielen Dank dem WeFa-Werbefach-Verlag Heil­bronn, dass er diese und die an­deren Ausstellungen ermög­licht hat. Vornehmlich Dank aber allen Mitarbeitern, die so tatkräftig geholfen haben, die vielen notwendigen Kleinig­keiten zu besorgen. Hier darf ich stellvertretend Sabine Rückriem und Rainer Scholte erwähnen. Dank auch dem Mö­belhaus Paul Schulz und dem Stereo-Studio Nieschmidt für die Strahler und die Lautspre­cheranlage.

Ganz herzlichen Dank aber möchte ich Frau Huberta Mertz und Christine Grä­fin Adelmann für die sorgsame Unterstützung beim Zustande­kommen dieses Eröffnungsabends von Fürst Alf Lieven sa­gen. Herrn Hans-Dieter von Keiz und dem Druckhaus Horch in Neckarsulm danke ich besonders - denn ohne Sie, lie­ber Herr von Keiz, als treusor­gender Unterstützer Alf Lievens, wäre die Ausstellung nicht das, was sie heute ist.

Düster und hell

Bilder sind Anregungen zu menschlicher Kommunikation. Ein lapidarer Satz. Bilder in der Kunst können heute kaum noch indirekte Informationsvermittlung sein. Diese Funktion ha­ben andere Medien übernom­men. Der Maler als Künstler kann also kaum mehr Illustrator von Zeitgeschehen sein, soll auch nicht mehr einen breiten Aha-Effekt auslösen. Das kön­nen Showmaster, Fernseh-Be­richterstatter, Pressefotografen und Filmemacher viel besser.

Alf Lieven ist einer jener Ma­ler und Zeichner, die eine breite Öffentlichkeit mit ihren Produkten nicht von vornherein anstreben, sondern sie erst Freunden, Bekannten zeigen, mit ihnen darüber diskutieren - und dann auf Anregung dieser an eine größere Öffentlichkeit gehen. Dieses Verhalten hat Fürst Alf Lieven für uns präde­stiniert.

Seitdem er denken könne, sagte er mir neulich, habe er gemalt und gezeichnet. Und das ist dabei herausge­kommen - könnte so mancher skeptische Besucher heute Abend sagen. Ja - das ist es.

Und wir sind froh, ihn hier aus­stellen zu können. Die Bilder, die Sie in unseren beiden Räumen sehen können, sind in den achtziger Jahren entstanden. Die schwarzwei­ßen, die dunklen Werke aus der „düsteren Phase“ des Alf Lieven werden Sie hier nicht finden. Unter Kennern und Freunden in Heilbronn aber sind sie be­kannt und teilweise auch so be­liebt, dass sie gekauft wurden.

Der Maler steht heute zu seinen figürlich-gegenständlichen, in düsteren Farben gehaltenen Bildern nicht mehr - die Phase sei vorbei und daher auch mo­mentan nichts davon vorzeig­bar. Die neuen Bilder sind hel­ler, wenden sich Räumen, Landschaften zu, mit ihren ge­brochenen Farben - tragen in sich lichte, auch hoffnungs­schwangere Momente. Ich möchte hier keine allzu großen Bild-Erläuterungen geben - komme aber auf die ausgestell­ten Werke nochmals zurück.

Freies Arbeiten

Lassen Sie mich zunächst aber einige Bemerkungen über Fürst Alf Lieven machen, Infor­mationen geben - die Sie in Ansätzen schon im farbigen Faltprospekt nachlesen konn­ten. Während seiner Ausbil­dungszeit an der Freien Kunst­schule in Stuttgart in den sech­ziger Jahren, vor allem bei sei­nem Lehrer Gerd Neisser, wur­den für Alf Lieven die hand­werklichen Grundlagen gelegt: Aktzeichnen, Portrait, grafi­sches Zeichnen.

Die sorgsame pädagogische Führung durch seinen Lehrer geleitete den jungen Künstler relativ schnell auf Gebiete, auf denen er seine Fähigkeiten stärker zum Tra­gen bringen konnte. „Das ganz freie Arbeiten" - heißt das Stichwort für Alf Lieven. Groß­zügig mit der Fläche, dem Pin­sel und den Farben umgehen. Nichts Pingeliges - wie er mit preußischem Understatement zu sagen pflegt.

An der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stutt­gart - seltsam: Den Russen - oder besser Baltendeutschen - Alf von Lieven, der in Hanno­ver im drögen Norden aufwuchs, hat die Weinstadt Stutt­gart und jetzt die Weinstadt Heilbronn immer wieder fest­gehalten - an der Akademie in Stuttgart lernte er in der Klasse für Malerei bei Professor Rudolf Haegele Flächenbewegungen in Freiheit mit Disziplin auszu­führen.

Das verhält sich wie mit jenem, der durch die Wüste fährt. Nur wer diszipliniert, or­dentlich vorbereitet die Kälte, die gleißende Hitze überwin­den will, kann es schaffen. Der Chaot aber, auch der Nachläs­sige - sie verdursten sofort.

So übte Alf Lieven sich teilweise ganze Semester hindurch nur mit ein, zwei Farben auf der Fläche, die dem Maler Himmel, Erde und Hölle zugleich sein kann. Die „Pop Art", die Sie ja alle kennen, oder „Hard Edge", jene Richtung, die in der Male­rei die klaren, geometrischen Formen und kontrastreichen Farben verwandte, diese bei­den Stilrichtungen der Mo­derne sind Stichworte für zu Beginn der siebziger Jahre auf­brechende Kunststudenten.

Auch Alf Lieven wurde von die­sen modernen, modernisti­schen oder nur modischen Rei­zen angeregt. Aber letztlich band er sich doch wieder in die Disziplin. Die Arbeit mit dem Stuttgarter Architekten Frei Otto im „Institut für leichte Flä­chentragwerke " am Projekt „Olympia-Dach" in München zu Beginn der siebziger Jahre gab ihm eine konkrete Erweite­rung für den Raum und die Di­mensionen.

Niederschlag fand diese spannungsreiche Arbeit mit Architekten in der Hochzeit der Studenten-Unruhen in Katalog-Zeichnungen, also in an­gewandter, dekorativer Her­stellung von Zeichnungen. Pro­fessor Frei Otto wollte Nicht­fachleute, Unbelastete von der Architektur - und Alf Lieven ist ein solcher Mann gewesen.

Bis 1975 war er dann noch im Privat-Atelier von Frei Otto mit zeichnerischen Aufgaben be­schäftigt. In den hier in der Ga­lerie ausgestellten Werken kann man diese Einflüsse von damals den Bildern entneh­men.

In die Dinge schauen

Fürst Alf Lieven hat eine starke Affinität zum Ballett. Nicht nur, weil sein Bruder einst Tänzer bei John Cranko war. Ich glaube, die Bewegung in sei­nen Bildern hat viel von tänze­rischem Ausdruck.

Bei der Vor­bereitung dieser Rede sprachen wir auch über Literatur – zum Beispiel über Thomas Mann – auch über die wunderbare Erzählung „Tonio Kröger“ – aber insbesondere über Herrn Knaak, Ballettmeister aus Hamburg, der zum Privatunterricht in Tanz und Anstand in die Salons Lübecker Patrizierfamilien an­gereist kam.

François Knaak war sein Name: „In weichen Falten fiel sein Beinkleid auf seine Lackschuhe hinab, die mit breiten Atlasschleifen ge­schmückt waren, und seine braunen Augen blickten mit ei­nem müden Glück über ihre ei­gene Schönheit..."

Dieser Herr Knaak lehrte - wie gesagt - Tanz und Anstand; und mit dem Anstand verhielt es sich wie folgt: „Man stand nicht da, indem man die Hände auf den Bauch faltete und die Zunge in den Mundwinkel schob; tat man es dennoch, so hatte Herr Knaak eine Art, es ebenso zu machen, daß man für den Rest seines Lebens einen Ekel vor dieser Haltung bewahrte . . . "

Und um „Anstand" zu haben, ja da musste man sein wie Herr Knaak: „Wie ruhevoll und un­verwirrbar Herrn Knaaks Au­gen blickten! Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden; sie wußten nichts, als daß sie braun und schön seien. Aber deshalb war seine Hal­tung so stolz! Ja, man mußte dumm sein, um so schreiten zu können wie er; dann wurde man geliebt, denn man war lie­benswürdig."

Thomas Mann lässt seinen Tonio Kröger über diesen Herrn Knaak denken: „Was für ein unbegreiflicher Affe."  - Warum erzähle ich Ihnen diese ironische Betrachtung ei­nes Tanzlehrers von Thomas Mann.

Wer in die Dinge hinein­schaut bis dorthin, wo sie kom­pliziert und traurig werden, der hat schon sehr viel von dem ge­schaut, was Alf Lieven in sei­nen Bildern darstellt.

Um in die Dinge sehen zu können, muss man nicht Fachmann sein, Spe­zialist für Seelenkunde, son­dern offen für die Freuden und die Leiden der Menschen, auch für die Freuden und Leiden bei sich selbst.

Akzeptieren zu ler­nen, dass es im menschlichen Leben nicht nur um das Glück, nicht nur um den Komparativ des Schöner, Besser, Schneller, Größer geht, sondern auch um das Gegenteil von all dem - das ist eine Erkenntnis aus den Bil­dern des Alf Lieven, die ich ge­winnen konnte.

Sich der eige­nen Melancholie, der eigenen Depression stellen, nach We­gen aus dem eigenen Urwald des Denkens und Fühlens her­auszukommen suchen, das ist sein bildnerisches Credo.

Wer für sich nur egomanisch das Glück fordert, den Erfolg ein­klagt, drückt seiner Umwelt seinen geistigen oder auch seelischen Schmutz, seine Depres­sion, seine Melancholie auf. Und er muss alles für krank er­klären, was nicht seinem Wolfs­leben entspricht.

Umwelt­schmutz im Materiellen und Geistigen sind die Folgen für die anderen, die Nachbarn.

Romantisches

Sich der Melancholie und den Depressionen stellen - dieser Prozess ist meiner Ansicht nach in den Bildern Alf Lievens auch deutlich gemacht.

Stichworte für diesen Charakterzug des Malers sind für mich die Lieblingskomponisten des Alf Lie­ven: Franz Schubert und Gustav Mahler. Thomas Mann und Mahler - das kennen Sie vom Film „Tod in Venedig".

Da ist nichts von romantischem Geraune, was in so mancher neudeut­schen, putzigen Architektur sich ausdrückt. Diese Romantik hat viel mit der Psyche, dem Abtauchen des Künstlers aus der schnöden Realität zu tun.

Die romantische Versenkung ins Ich, auf der Suche nach ei­ner „blauen Blume", die viel­leicht neue Erkenntnis bringen kann, der Weg in die Grotten und Nischen des Unterbewussten, des Unbewussten - das kann natürlich auch der Weg in die Ver-Rücktheit eines Höl­derlin sein.

Und welche Lei­stungen sind da erbracht wor­den. Zurückzukommen in die reizüberflutete Informationsgesellschaft, an die Oberfläche der Realität - das ist für viele dann so unerträglich, dass nur noch der Rausch ertragen lässt, was ertragen werden muss.  Faß­binder, Jimmy Hendrix - das sind nicht nur Namen in diesem Zusammenhang.

Das ist Teil unserer zeitgenössischen Kultur. Ein anderes Stichwort für die Malerei Alf Lievens ist El Greco. Jener Domenico Theotocopuli von Kreta, der in Spa­nien wirkte,

Das Ockergelb, das Rostbraun, vor allem die beiden Hauptfarben der alten byzantinischen Kunst Schwarz und Weiß sind auch in den Bil­dern Alf Lievens wiederzufin­den. Die Verlängerung der Fi­guren, die Überhöhung des Realismus - das ist jetzt bei Lieven nicht figürlich, aber doch als Zustandsbeschreibung von Landschaft und Architektur ge­geben.

In Alf Lievens Bildern wird nichts Überhöhtes angebetet, sondern die Suche nach dem Hellen im Zentrum aufgenom­men. Erkenntnis endet somit bei ihm immer im Ich, im Sub­jekt, im sterblichen Körper, der Mittelpunkt unseres Lebens ist, ob wir das nun akzeptieren oder nicht.

Allerdings nicht egozentrisch, sondern wie Ernst Bloch einst sagte: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst." - In der Suche eben, im Werden.

Denken Sie an Mozarts Zauber­flöte, wenn Pamina und Tamino bei ihren vielen Prüfungen erst durch die vielen Höllen müssen - und flötend die Grausam­keiten überstehen.

Wenn wir nicht die Musik haben, dann stürzen wir ab aus jenen Höhen des Ikarus - zerschmettert, und nicht wie jener Tanzlehrer Knaak: „Beabsichtigte er aber, sein Publikum gänzlich zu ver­blüffen, so schnellte er plötzlich und ohne zwingenden Grund vom Boden empor, indem er seine Beine mit verwirrender Schnelligkeit in der Luft umeinanderwirbelte, gleich­sam mit denselben trillerte, wo­rauf er mit einem gedämpften, aber alles in seinen Festen er­schütternden Plumps zu dieser Erde zurückkehrte..."

Wir kennen diesen Plumps. Vom Theater - nicht nur von Schau­spielern und Tänzern, sondern auch von Intendanten. Und das nicht nur in der Provinz. Auch von Politikern kennen wir den Plumps - zum Beispiel am Wahlabend, an jenem 25. Ja­nuar, als Rotkohl und Schwarzkohl plumpsten. Wie hatten sie doch gerade gewirbelt und getrillert.

Künstler und Narr

Zur Vorbereitung dieser Worte gehörte auch der bekannte Fra­gebogen des Marcel Proust. Und Alf Lievens Antworten schildern mehr, als ich von ihm erzählen könnte.
Sie sehen die Bilder eines Mannes, meine Damen und Herren, dessen Lieblingstugend „Offenheit" ist, der Fehler, „die durch Un­wissenheit entstehen", am ehe­sten entschuldigt, dessen Lieb­lingsgestalt in der Geschichte „Sigmund Freud" heißt, der weder Lieblingshelden noch -heldinnen in der Wirklichkeit, der Geschichte oder Literatur hat, mit Helden gar nichts an­zufangen weiß, der am liebsten in „Italien” leben möchte, des­sen Lieblingsvogel die „Krähe" ist, der am meisten „Gewalt" verabscheut, der keine ge­schichtlichen Gestalten verab­scheut, weil er „Menschen nicht verabscheut", der keine militärischen Leistungen be­wundert, dagegen jede Reform bewundert, die eine „Öffnung zur Demokratie" verspricht, der als natürliche Gabe besitzen möchte, „singen" zu können - und dessen gegenwärtige Gei­stesverfassung „geschärft" ist.

Da zeigt sich doch ein Mensch, der uns das deutlich zu machen versucht, was Ro­mantik auch bedeuten kann: Klarheit und Nüchternheit, Be­wusstheit um die Dinge dieser Welt - auch wenn sie kompli­ziert und traurig werden.

Denn ohne Aufklärung keine Roman­tik. Romantik hat ja nicht allzu viel mit jener verschwiemelten Aufklärungsduselei zu tun, die heute häufig anzutreffen ist, nichts mit jenem Public-Relations-Humanismus in unserer Politik. Im Gegenteil: Sie schafft Bewusstsein um die Dinge, die sind - und weniger um jene, die sein sollten.

Wer im Gedankennetz fort­schrittlicher Geschichte gefan­gen ist, wie die vielen Soziali­sten und Neo-Konservativen in der westlichen oder die Herren Kommunisten in der östlichen Welt, der muss als Endergebnis abendländischen Denkens, die toten Flüsse, die 300.000 neuen Krebskranken in der Bundesre­publik, die Atomraketen als Be­triebsunfälle oder gar Siche­rungen begreifen.

Intellektu­elle und Künstler können heut­zutage, wie der Verleger Wolf Jobst Siedler sagt, nur noch konservativ sein, wertkonser­vativ, bewahren, bremsen, sich gegen den undurchdachten Fortschritt mit geistvoller Macht stemmen, damit nicht das geschieht, von dem Alf Lievens Bilder ebenfalls künden.

Im Angesicht des alltäg­lichen, optimistischen Wahn­sinns, von Kriegen und Ver­nichtungswaffen hilft die Me­lancholie, das In-Sich-Kehren - vielleicht, um zur Besinnung zu gelangen, auch um zu bremsen. Der Künstler ist dabei wieder zum Narren geworden, der sei­nen Mitmenschen den Spiegel vor Augen hält.

Hoffentlich la­chen sie nicht zu stark, denn die Fratzen und das Grauen, das sind wir ja selbst. Und vom unbegreiflich dummen, grau­envollen Herrn Knaak haben wir ja alle, wie wir hier stehen, eine ganze Portion in uns.

Der Künstler ist ein Narr - aber nicht jeder Narr ist ein Künst­ler. Alf Lievens Bilder haben Anklänge von jenen Narren, Filmemachern in sich, die er bewundert: Buñuel, Bergman, Polanski, Fellini, Visconti.

Menschen verstehen, sorgsam behandeln, auch mit beißender Ironie, in ihr inneres Leben schauen, um zu verstehen, mit­zufühlen, Erbarmen zu haben - auch wenn sie nicht wissen, dass sie Leidende sind.

Dieses Erbarmen hat unsere Welt heute nötiger denn je.

Und trotzdem heißt das Motto aus dem Proust-Fragebogen des Fürst Alf Lieven: „Weiter so."

Dem schließe ich mich an - danke Ihnen, meine Damen und Herren, für die Aufmerk­samkeit beim Zuhören und er­kläre die Ausstellung für eröff­net.


Ausstellung in der Galerie des Neckar-Express-Stadtbüros
Rede zur Ausstellungeröffnung am Donnerstag, dem 26. Februar 1987

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen